Die Jahresexkursion der GfU nach Südwestfrankreich vom 29. August bis zum 05. September 2021

Die Freude war groß, als diese Exkursion tatsächlich stattfinden konnte, denn sie war schon für das Jahr 2020 geplant, musste aber wegen der Corona-Pandemie ins Folgejahr und dann nochmals vom traditionellen Pfingsttermin auf den Spätsommer verschoben werden.

Dorothea Leiser (Haar bei München)

Die Freude war groß, als diese Exkursion tatsächlich stattfinden konnte, denn sie war schon für das Jahr 2020 geplant, musste aber wegen der Corona-Pandemie ins Folgejahr und dann nochmals vom traditionellen Pfingsttermin auf den Spätsommer verschoben werden. Sie führte uns in das Tal der Vézère, das mit immerhin fünfzehn seiner ungemein reichhaltigen prähistorischen Fundstätten und Bilderhöhlen seit 1979 auf der Welterbeliste der UNESCO steht (Sabatier 2014), und in dessen nähere und weitere Umgebung bis nach Bordeaux sowie in den Raum Angoulême – kurz: in das Paradies für uns Urgeschichts-Fans (übergreifend: Félix und Aubarbier 2011).

1. Tag, Sonntag, 29. August 2021: Solutré.

Um 6 Uhr in der Früh ging es auf die weite Reise nach Südwestfrankreich. Der „Bus voller Nerds“, wie sich die Gruppe augenzwinkernd bezeichnete, legte einen längeren Aufenthalt in einem Ort ein, dessen Name in der Chronologie der Urgeschichte verewigt ist: in Solutré, der Typlokalität des Solutréen, benannt 1872 von Gabriel de Mortillet, einem der bedeutendsten französischen Prähistoriker seiner Zeit, nachdem die Fundstelle 1866 zufällig entdeckt worden war.

Musée de Préhistoire in Solutré.

Unübersehbar überragt der markante Kalkfelsen die weitläufigen Weinbaugebiete von Solutré (Abb. 1). Die Gegend trägt wegen ihres reichen Natur- und Kulturerbes zusammen mit nur knapp 50 weiteren die Auszeichnung „Grand Site de France“. In bewusstem Gegensatz dazu schmiegt sich das moderne Museum unauffällig an den Fuß des Felsens, um die Schätze dieser bedeutenden Fundstelle im Inneren des Berges zu präsentieren.

Felsen von Solutré
Abb. 1: Der Felsen von Solutré (Foto: Dorothea Leiser).

Der Museumsleiter Pierre-Guillaume Denis führte uns zuerst durch die aktuelle Sonderausstellung über ausgestorbene eiszeitliche Tiere mit mehreren lebensgroßen Repliken und einigen Mitmach-Stationen. Die Dauerausstellung (Floss 2016) veranschaulicht den ungewöhnlich langen Zeitraum, der durch Funde aus Solutré und Umgebung belegt ist: Er umfasst ab dem Mittelpaläolithikum alle Kulturstufen des Paläolithikums. Besonders bemerkenswert sind die Elfenbeinperlen in Körbchenform aus dem Aurignacien und natürlich die berühmten Lorbeerblattspitzen des Solutréen. Diese Meisterwerke der Steinbearbeitung wurden hier in großer Zahl und sehr unterschiedlichen Größen gefunden und waren so begehrt, dass die Funde nun über viele Museen in der ganzen Welt verstreut sind. Dienten die formvollendeten großen, dünnen und daher sehr empfindlichen Stücke „nur“ zur Repräsentation? In Staunen versetzt uns eine perfekte Blattspitze aus Bergkristall. Wurden die kleinen feinen Spitzen, die auch schon im Gravettien vorkamen, für Jagdwerkzeuge verwendet?

Und dann gibt es noch das „Magma de Cheval“ („Pferde-Magma“): Da am Fuße des Felsens eine unvorstellbare Menge an zementartig verbackenen Pferdeknochen gefunden wurde, die in der Neuzeit sogar noch als Schotterbelag für Innenhöfe verwendet wurden, entstand die malerische, aber längst widerlegte Vorstellung, dass steinzeitliche Jäger einst ganze Pferdeherden auf den Felsen und dann in den Abgrund getrieben hätten. Nichtsdestoweniger wurde hier über einen langen Zeitraum hinweg intensiv Jagd auf die saisonal wandernden Pferdeherden betrieben, der mehrere zehntausend Pferde zum Opfer fielen.

Von Solutré aus war es nicht mehr weit nach Mâcon, wo wir in einem zentral gelegenen Hotel übernachteten und einen Abendspaziergang an die Saône zu unserem Restaurant machten.

2. Tag, Montag, 30. August 2021: Lascaux IV.

Nur wenigen Auserwählten (Mitreisende nicht ausgeschlossen!) war bzw. ist es vergönnt, die originale Höhle von Lascaux, die seit 1963 für die Öffentlichkeit geschlossen ist, mit eigenen Augen zu sehen. Immerhin gibt es schon seit 1983 die Replik Lascaux II, der 2012 die Wanderausstellung Lascaux III folgte. Im Dezember 2016 wurde mit Lascaux IV das erste weitestgehend vollständige Faksimile eröffnet. Es liegt am Rand von Montignac am Fuße des Hügels mit der Originalhöhle sowie der ersten Replik und wurde mit größtem Aufwand und modernsten technischen Mitteln bis ins kleinste Detail der Felsstruktur und der Kunstwerke originalgetreu nachgebildet.

Centre International de l‘Art Pariétal in Montignac
Abb. 2: Das neue Centre International de l‘Art Pariétal in Montignac mit dem Nachbau der Höhle von Lascaux (Lascaux IV); dahinter der Hügel, in dem sich die originale Höhle befindet (Foto: Dorothea Leiser).

Centre International de l’Art Pariétal in Montignac.

Die moderne Glas-Beton-Architektur von Lascaux IV passt sich wohlüberlegt an den Hügel an, sie zeigt Präsenz, ohne sich aufzudrängen (Abb. 2). Mit ihrer langgestreckten Form, deren Fenster sich zum Talboden öffnen, spielt sie auf die Abris in den großen Felswänden entlang der Vézère an und auf die lange Zeit, die seit dem Paläolithikum vergangen ist. Der Rundgang startet auf dem Dach mit einem Rundblick in die Umgebung. In einem kleinen Raum, der an ein Abri erinnert, stimmt ein kurzes Video die Besucher auf die eiszeitliche Landschaft und Tierwelt im Jahreslauf ein. Ein zum Himmel offener Gang führt weiter Richtung Eingang der eigentlichen Nachbildung; auf dem Weg dorthin hören die Besucher die Stimmen der vier jugendlichen Entdecker von 1940 und ihres Hundes.

Wenn man es nicht wüsste, würde man kaum bemerken, dass es sich bei der Replik nicht um das Original handelt. Die Atmosphäre gleicht bis zur Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit der einer echten Höhle, und so perfekt sind die Reproduktionen der Malereien, dass man sich den einmaligen Kunstwerken sehr, sehr nahe fühlt. Wir schritten durch den Saal der Stiere mit dem rätselhaften zweihörnigen „Einhorn“, den axialen Seitengang mit den „chinesischen Pferden“ und dem „stürzenden Pferd“, kamen vorbei an der Apsis mit ihren schwer erkennbaren zahlreichen Ritzzeichnungen und durchquerten schließlich das Schiff mit der großen „schwarzen Kuh“, den „schwimmenden Hirschen“, den „gekreuzten Bisons“ und den „Wappen“ genannten rätselhaften Zeichen.

An das Faksimile der Höhle schließt sich das Atelier an, in dem weitere Teile nachgebildet sind, z.B. der Puits („Brunnen“ bzw. „Schacht“), der von der Apsis aus sechs Meter in die Tiefe reicht. An diesem schwer zugänglichen Ort befindet eine der seltenen erzählenden Szenen der Höhlenkunst: die berühmte vogelköpfige Menschengestalt vor dem schwer verletzten Bison. Einige weitere Malereien, Zeichnungen und Gravierungen sind multimedial aufbereitet, so dass dank wechselnder Beleuchtung unterschiedliche Aspekte der Kunstwerke veranschaulicht werden. Die weiteren Angebote des Centre International de l’Art Pariétal, v.a. das Kino und der Saal, der den Einfluss der paläolithischen auf die moderne Kunst darstellt, waren leider coronabedingt nicht zugänglich. Aber immerhin der Shop – und unsere Koffer legten an Gewicht zu…

Anschließend fuhren wir noch die kurze Strecke auf den Hügel hinauf und gingen wenige Minuten zu der Originalhöhle. Wir ließen deren wohlgesicherten Eingang durch den Zaun auf uns wirken und amüsierten uns über das Hinterteil des kleinen (Kunststoff-)Hundes, der sich davor in die Erde gräbt und dessen lebendiges Vorbild zum eigentlichen Entdecker des „Weltwunders“ Lascaux wurde.

Am Abend trafen wir in unserem zentral gelegenen Hotel in Le Bugue ein und durften an den drei folgenden warmen Abenden unser Menü auf der Terrasse direkt oberhalb der Vézère genießen: Die anregenden Gespräche unter Nerds ließen keine Zeit für den Pool auf dem Dach.

3. Tag, Dienstag, 31.08.2021: Abris in Les Eyzies und Umgebung.

Nachdem wir uns auf dem Bauernmarkt von Le Bugue mit Proviant versorgt hatten, fuhren wir wenige Kilometer flussaufwärts nach Les Eyzies-de-Tayac. Auf dem Programm standen vier der berühmtesten Abris in und um die „Capitale mondiale de la Préhistoire“ (so Denis Peyrony im Jahr 1920). Schon der allererste Blick auf die gewaltigen Felswände und Felsdächer beiderseits der Vézère macht deutlich, warum diese Gegend so ungemein einladend für die Sammler und Jäger der Altsteinzeit war.

Abri Pataud.

Als der Landwirt Martial Pataud 1870 auf seinem Grund einen neuen Weg anlegte, erkannte er sofort, dass er dabei auf prähistorische Spuren gestoßen war, so sehr war man vor Ort bereits damals dafür sensibilisiert. Dass er und seine Nachkommen sich gegen Ausgrabungen weitgehend verwahrten, wurde zu einem Glücksfall für die jüngere Archäologie, die das Abri ab 1950 nach dem Erwerb durch den Staat mit moderneren Mitteln ausgraben konnte. Nachgewiesen und im Profil sehr gut gekennzeichnet sind Schichten vom Aurignacien bis zum Gravettien. Spuren von Feuerstellen wurden ebenso gefunden wie Werkzeuge, Reste mehrerer Bestattungen, darunter die einer jungen Frau mit ihrem Neugeborenen, sowie ein Venusrelief auf einem herabgestürzten Block (Delluc und Delluc 1998). Anhand von Schemazeichnungen und der herumliegenden Blöcke konnten wir das erosionsbedingte Entstehen und Vergehen eines typischen Abris im Lauf der geologischen Zeiträume gut nachvollziehen. Noch heute dauern die Forschungen an; erst kürzlich wurden von einem deutschen Team etliche Sedimentproben entnommen, in der Hoffnung, darin auf alte DNA zu stoßen.

Im Nachbar-Abri ist ein kleines Museum eingerichtet, in dem uns vor allem ein wunderschön skulptierter kleiner Steinbock an der Decke beeindruckte: das erste von etlichen Halbreliefs, die wir auf unserer Exkursion noch sehen sollten.

Abri de Cro-Magnon.

Nur wenige hundert Meter entfernt liegt dieses Abri mit seinem wohlbekannten Namen. Als man im März 1868 bei Bauarbeiten zur großen Freude des Prähistorikers Edouard Lartet auf mehrere bestattete Skelette stieß, schickte er sofort seinen Sohn Louis Lartet von Paris nach Les Eyzies. Schon im Mai desselben Jahres – also im Gegensatz zu anderen Funden im 19. Jh. unglaublich schnell – wurden die Bestattungen aufgrund der Fundsituation als unbestreitbar prähistorisch anerkannt, womit das hohe Alter des anatomisch modernen Menschen nachgewiesen war. Mit dieser für die damalige Zeit ungemein wichtigen Erkenntnis war auch der Startschuss der urgeschichtlichen Forschung im Tal der Vézère gefallen (Bougard 2015). Nach der Lokalität Cro (= „Loch“) Magnon (= Namen der Grundbesitzer) wurde und wird der eiszeitliche anatomisch moderne Mensch vor allem im französischen Sprachgebrauch als „Cro-Magnon“ bezeichnet.

Neben dem Abri ist ein kleines modernes Museum eingerichtet, das sehr ansprechend die Gemeinsamkeiten und vor allem die Unterschiede zwischen der Anatomie des Neandertalers und des Cro-Magnon-Menschen und die Geschichte der Fundstelle darstellt. Als Abri und Museum in den Jahren 2012 bis 2014 für die breite Öffentlichkeit touristisch erschlossen wurden, fanden auch erstmalig seit 1907 wieder Ausgrabungen statt. Ging man früher noch davon aus, hier die einzigen Bestattungen aus dem Aurignacien überhaupt vorliegen zu haben, wurden sie mittlerweile in das ältere Gravettien datiert, sind aber immer noch die ältesten Bestattungen des Homo sapiens in Westeuropa. Eine weitere Entdeckung wurde 2013 gemacht: Just oberhalb der Bestattungszone befinden sich mit bloßem Auge kaum wahrnehmbare Pigmentspuren (Bougard 2017). Unsere Führerin Estelle Bougard arbeitet derzeit an einer neuen Publikation dazu.

Abri de Cap-Blanc.

Auf den Spuren prähistorischer skulpturaler Kunst, die zu einem Hauptthema unserer Exkursion wurde, ging es weiter in das Tal der Beune, ein Seitental der Vézère. Auf dem kurzen Abstieg vom Parkplatz zum Abri de Cap-Blanc grüßte vom Hang gegenüber das Château de Commarque, eine romantische Burgruine. Der Felssporn, auf dem sie ruht, beherbergt nicht nur mehrere prähistorische Abris, sondern auch eine kleine Höhle mit dem lebensgroßen Halbrelief eines Pferdes. Auf unserer Talseite, jedoch für uns nicht sichtbar, liegt das Abri de Laussel, in dem u.a. der Block mit dem berühmten gravettienzeitlichen Venusrelief gefunden wurde, auch die „Vénus à la corne“ („Venus mit dem Horn“) genannt. Wir sollten sie drei Tage später in Bordeaux bewundern dürfen.

Das Abri de Cap-Blanc birgt eines der Hauptwerke prähistorischer Wandskulptur, einen 13 m langen Fries mit über zehn großen ausdrucksvollen Tierdarstellungen, hauptsächlich Pferden und Bisons. Als die tief herausgearbeiteten Halbreliefs 1909 entdeckt wurden, war dieser Fries der erste Nachweis prähistorischer Wandkunst im Freien (Cleyet-Merle 2016). Man geht davon aus, dass er ursprünglich vor allem Bisons darstellte, von denen einige erst später in Pferde umgearbeitet wurden. Sie ähneln sehr dem Pferd aus der gegenüberliegenden Grotte de Commarque und werden wie dieses in das Magdalénien gestellt. Anders als bei der Höhlenkunst, die im Verborgenen, oft sogar weitab vom Tageslicht ausgeführt wurde, waren die Halbreliefs der zumindest zeitweise bewohnten Abris für jedermann sichtbar, zumal sie mit kräftigen Farben angemalt waren. Es handelt sich also um eine Kunst mit gesellschaftlicher und durchaus repräsentativer Funktion.

Auch im Abri de Cap-Blanc wurde eine Bestattung gefunden, die bestimmt nicht zufällig gerade hier erfolgte. Das hervorragend erhaltene Skelett einer etwa dreißigjährigen Frau wurde 1926 vom Field Museum in Chicago erworben, wo es den Beinamen „Magdalenian Girl“ erhielt.

Abri du Moustier. Zurück im Tal der Vézère, fuhren wir einige Kilometer flussaufwärts bis nach Le Moustier (Abb. 3), wo wir bald mitten in dem kleinen Ort vor dem gleichnamigen Abri standen, genauer gesagt, vor dem unteren, denn in dem Felsen oberhalb liegt noch eines mit weitem Blick ins Tal. Da es wegen der Corona-Bestimmungen keine offiziellen Führungen gab, erläuterte unser Reiseleiter Kurt Langguth uns die Bedeutung dieses Fundorts, der der Kulturstufe des Moustérien seinen Namen gab.

Nachdem bereits 1860 Grabungen stattgefunden hatten, widmete sich ab 1907 der berühmt-berüchtigte Schweizer Antiquitätenhändler Otto Hauser erstmals dem unteren Abri. Hauser war vor allem auf spektakuläre Funde aus, um sie an den Meistbietenden zu verkaufen. So landete das Neandertaler-Skelett, das er 1908 kurze Zeit nach dem Aufsehen erregenden Fund von La Chapelle-aux-Saints gefunden hatte, in Berlin. Leider ist davon nur noch der Schädel erhalten, da nur dieser im 2. Weltkrieg ausgelagert war und den Kriegszerstörungen entging. Unter den weiteren Neandertaler-Funden ist der eines Neugeborenen, entdeckt durch Denis Peyrony im Jahr 1914, von besonderer Seltenheit. Allerdings ist dieses Skelett auf dem Transport nach Paris verschollen und tauchte erst um die Jahrtausendwende wieder in den Magazinen des Museums von Les Eyzies auf. Manchmal liefern Museumsgrabungen eben die besten Funde… Die stratigraphischen Arbeiten von Denis Peyrony und die späteren Ausgrabungen sind gut dokumentiert, wie man an dem im Abri ausgestellten Profil nachvollziehen kann. Derzeit finden erneut Grabungen an noch unberührten Stellen statt, um die Datierungen durch neue Methoden zu sichern und weitere Erkenntnisse über die Fauna zu gewinnen, die die frühen Ausgräber noch nicht ausreichend berücksichtigt hatten.

Felsen über dem Ort Le Moustier
Abb. 3: Der Felsen über dem Ort Le Moustier; gut zu erkennen das obere Abri, verdeckt dagegen das berühmte untere Abri (Foto: Dorothea Leiser).

4. Tag, Mittwoch, 1. September 2021: Grottes ornées.

Die erste Grotte ornée (Bilderhöhle) liegt nur wenige hundert Meter oberhalb unseres Übernachtungsortes Le Bugue:

Grotte de Bara-Bahau.

Freundlicherweise wurden wir vor der eigentlichen Öffnung empfangen und bekamen gleich eine Einführung in die Geologie der Höhle. Das in der Kreidezeit entstandene Kalkgestein ist hier, ähnlich wie in dem wenige Kilometer entfernten Rouffignac, der berühmten „Höhle der 100 Mammuts“, von unzähligen Silexknollen durchsetzt und hat wie diese eine teilweise sehr weiche Oberfläche. Ein Flusslauf formte die Höhle, die etwa 150 m lang ist und aus drei Teilen besteht: dem Eingangsbereich, einem schmalen Durchgang und der hinteren Rotunde. Letztere wurde erst 1951 mitsamt den Gravuren aus dem mittleren Magdalénien entdeckt (Delluc und Delluc 1997a). Die meist sehr großen Zeichnungen sind wegen der Kratzspuren von Bären und der natürlichen Ritzen im Fels, die hier in größerem Umfang als in anderen Höhlen in die Zeichnungen integriert wurden, nicht auf den ersten Blick zu identifizieren. Doch dank der Erklärungen der Führerin und ihres Laserpointers konnten auch wir sie gut erkennen. Sie zeigen überwiegend Pferde und Rinder, teilweise in Lebensgröße. Dazu kommen einige gitterförmige Zeichen („signes quadrangulaires“), deren symbolische Bedeutung sich uns nicht mehr erschließt, und als Besonderheiten ein Bär, eine gravierte Hand sowie ein Phallus.

Grotte du Sorcier (auch: Grotte de Saint-Cirq-du-Bugue).

Nach kurzer Busfahrt kamen wir bei der nächsten Höhle an: Die Grotte du Sorcier ist Teil einer troglodytischen Anlage, wie die Höhlenwohnungen genannt werden, die so zahlreich im Tal der Vézère und dessen Umgebung sind (Abb. 4). Denn nicht nur während des Paläolithikums, sondern auch in der Neuzeit, vor allem aber im Mittelalter, wurden die Abris von Menschen genutzt und zu Wohnbereichen, teilweise sogar zu ganzen Siedlungen, erweitert und befestigt. Noch heute ist z.B. Les Eyzies von etlichen Häusern geprägt, die die natürliche Felswand der großen Abris als Teil des Dachs und als rückwärtige Begrenzung nutzen.

Felsen bei Saint-Cirq-du-Bugue
Abb. 4: Der Felsen bei Saint-Cirq-du-Bugue mit einem Teil der troglodytischen Anlage, die sich noch bis zu der Grotte du Sorcier weiter links (nicht im Bild) erstreckt (Foto: Dorothea Leiser).

Auch der vordere Teil der Grotte du Sorcier war im Mittelalter bewohnt, was leider zur Beschädigung der Kunstwerke aus dem Magdalénien führte, die erst 1952 entdeckt wurden. Dennoch sind einige Gravuren und die Reliefs zweier Pferde und eines Bisons sehr gut erkennbar. Bemerkenswert sind die anthropomorphen Darstellungen: das berührende Vis-à-Vis eines menschenähnlichen Gesichts und eines Tierkopfs im Profil sowie einige teilweise erst in den letzten Jahren entdeckte stilisierte Frauenfiguren des Typs Gönnersdorf-Lalinde. Um uns die berühmteste Darstellung, die der Grotte ihren Namen gab, zu zeigen, musste die Führerin einen Spiegel zu Hilfe nehmen, da sie sich oben in einer sehr engen Nische befindet: die Gravierung einer menschenähnlichen Gestalt mit deutlich erkennbarem Gesicht und – last but not least – einem erigierten Penis. Ein Zauberer? Ein Schamane? Neueren Interpretationen nach ist der Penis nichts anderes als der Hinterlauf eines Pferdes, das ursprünglich diese Stelle zierte und später in die Gravur des „Sorcier“ integriert wurde (Pigeaud et al. 2012, 2016).

Wie die Mehrzahl der französischen Höhlen ist auch diese in Privatbesitz, ebenso wie das kleine Museum, das Originale und Repliken steinzeitlicher Funde sowie eine reiche Auswahl an Fossilien aus der Gegend zeigt. In einer Vitrine ist die Replik des einzigen an der Fundstelle entdeckten mobilen Kunstwerks ausgestellt: eine knapp 10 cm lange Schildkröte aus Stein. Oder ist es doch – von der skulptierten Unterseite her betrachtet – eine Frauendarstellung (Bougard et al. 2016)?

Grotte de Villars (auch: Grotte du Cluzeau).

Die dritte und letzte Grotte ornée dieses Tages liegt ganz im Norden des Périgord, weshalb eine längere Anfahrt nötig war. Es handelt sich um die größte Höhle der Region, die erst 1953 entdeckt wurde und bisher auf etwa 13 km Länge erforscht ist (Delluc und Delluc 1974). Nachdem die Speläologen Kratzspuren von Bären entdeckt hatten, gingen sie auf die Suche nach Spuren der altsteinzeitlichen Menschen und wurden 1958 fündig. Der Besucherrundgang führt mehrere hundert Meter durch überwältigend schöne vielgestaltige Tropfsteinformationen, an einem großen Balkon durch eine Licht- und Tonschau in Szene gesetzt. Schließlich gelangt man in den Bereich mit den Malereien. Die Tiere, überwiegend Pferde und Bisons, sind nur wenige Dezimeter lang – viel mehr Platz ist zwischen den Tropfsteingebilden auch nicht. Außerdem wurden sie im Laufe der Jahrtausende von einer milchigen Kalzitschicht überzogen, die das schwarze Manganoxid in einem bläulichen Farbton erscheinen lässt, weshalb das Markenzeichen der Höhle „kleines blaues Pferd“ genannt wird. Berühmt ist eine der in der Höhlenkunst ausgesprochen seltenen erzählenden Darstellungen: Ein Mensch steht mit gebeugten Knien einem Bison gegenüber, eine Szene, die sehr an die im Schacht von Lascaux erinnert. Erfreulicherweise durften wir die prähistorischen Malereien länger und ausführlicher betrachten als „normale“ Besuchergruppen. Zeitlich werden die Kunstwerke ins ältere Magdalénien gestellt.

5. Tag, Donnerstag, 2. September 2021: Von Les Eyzies nach Bordeaux

Nun mussten wir unser schön gelegenes Quartier in Le Bugue verlassen, um nach Bordeaux weiterzufahren. Natürlich nicht ohne Umwege…

Abri de La Ferrassie.

Als erstes steuerten wir eine weitere berühmte Fundstelle an, die 1896 beim Straßenbau entdeckt wurde. Kurt Langguth erklärte uns ihre große Bedeutung für die Erforschung des Neandertalers: Es wurden hier ungewöhnlich viele Skelette gefunden, nämlich zunächst sieben, mittlerweile sogar acht Menschen vom Fötus über Kinder bis zu zwei Erwachsenen, die noch dazu alle ganz offensichtlich bestattet worden waren. Ein etwa dreijähriges Kind wurde unter eine große, mit „Coupules“ (kleinen „Schälchen“) verzierte Steinplatte gebettet, nachdem ihm der Kopf abgetrennt wurde, ein Hinweis auf ein Menschenopfer oder komplexe Bestattungsrituale? Am bekanntesten ist jedoch das Skelett eines Mannes, der trotz mehrerer Verletzungen ein vergleichsweise hohes Alter erreichte, was auf eine Versorgung durch seine Angehörigen hinweist. Auch im Aurignacien wurde das Abri noch genutzt, denn der Cro-Magnon-Mensch hinterließ mehrere u.a. mit weiblichen Sexualsymbolen verzierte Steinblöcke. La Ferrassie belegt also eine lange Besiedlungszeit vom Moustérien bis in die jüngere Altsteinzeit. Wie in Le Moustier sind auch hier aktuelle Ausgrabungen im Gange.

Musée national de Préhistoire in Les Eyzies-de-Tayac.

Im prähistorischen Nationalmuseum (Abb. 5) wurden wir wieder von Estelle Bougard empfangen, die uns schon das Abri Cro-Magnon nahegebracht hatte und uns jetzt gezielt zu den wesentlichen Ausstellungsstücken dieses bedeutenden Museums führte. Eine lange Galerie von Werkzeugen und weiteren Funden lädt zu einer ausführlichen Zeitreise durch die Steinzeit ein; wichtige Skelette der Region, u.a. das erwähnte Neugeborene von Le Moustier, sind im Original ausgestellt; Dermoplastiken veranschaulichen eiszeitliche Tiere und das Aussehen der Neandertaler. Besonders beeindruckend sind jedoch die Kunstwerke: darunter berühmte Beispiele für mobile Kunst, z.B. der kleine Bison aus dem Abri de La Madeleine, der sich die Flanke leckt, und Repliken und Originale von skulptierten Felsblöcken, die das Schwerpunktthema unserer Exkursion, nämlich die altsteinzeitlichen Reliefs, bereicherten.

Musée national de Préhistoire in Les Eyzies de Tayac
Abb. 5: Das Musée national de Préhistoire in Les Eyzies de Tayac, das auf Betreiben von Denis Peyrony ab 1913 in der einstigen Schlossruine eingerichtet und 2004 durch einen Neubau erweitert wurde (Foto: Dorothea Leiser).

Ein weiterer Höhepunkt war die großartige Sonderausstellung „Homo Faber“ über zwei Millionen Jahre Werkzeugherstellung von Afrika bis an die Pforten Europas. Die überaus bedeutenden Funde wurden hier zum ersten Mal überhaupt als Originale außerhalb ihres Herkunftsortes gezeigt. Dabei lag der Schwerpunkt zum einen auf den ältesten Werkzeugen der Menschheit aus Kenia (Lomekwi 3, ca. 3,3 Millionen Jahre) und Äthiopien (Lokalalei 2C, ca. 2,3 Millionen Jahre) und zum anderen auf der georgischen Fundstelle Dmanisi, von der ein Schädel des ältesten Europäers, des Homo ergaster, mitsamt einigen Steinwerkzeugen ausgestellt war (ca. 1,77 Millionen Jahre).

Grotte de Pair-non-Pair.

Einige Kilometer nördlich von Bordeaux erwartete uns eine der ältesten Bilderhöhlen des gesamten franko-kantrabrischen Raums. Pair-non-Pair ist mit nur etwa 15 m Länge und einigen seitlichen Ausbuchtungen relativ klein, aber von großer Bedeutung. 1881 begann der Autodidakt François Daleau damit, die vollständig zusedimentierte Höhle sorgfältig Schicht für Schicht auszugraben, wofür er sich insgesamt über 30 Jahre (!) Zeit nahm. Mit dieser Methode und der außerordentlich detaillierten Dokumentation der Schichten war er seiner Zeit weit voraus. Ab 1883 legte er allmählich die ersten Gravuren frei, die er 1896 bestimmte und ins Aurignacien datierte. Sie wiesen sogar noch einige Farbreste auf. 1897 besuchte Abbé Henri Breuil die Höhle auf seiner ersten Reise in den Südwesten Frankreichs überhaupt. Da die Gravuren nachweislich von Schichten des Solutréen bedeckt waren, mussten sie aus dem Paläolithikum stammen: Somit ist die Grotte de Pair-non-Pair, die als eine der ersten Bilderhöhlen nach Altamira (1879) entdeckt worden war, wissenschaftshistorisch von großer Bedeutung, da sie ganz wesentlich zur Anerkennung der Höhlenkunst als Werk des prähistorischen Menschen beitrug. Schon 1900 wurde sie auf Betreiben von Daleau als erste Höhle Frankreichs unter Denkmalschutz gestellt.

Grotte de Pair-non-Pair
Abb. 6a: Grotte de Pair-non-Pair nördlich von Bordeaux.
Die Gravuren aus dem Aurignacien bedecken die Decke und Wände der kleinen Wohnhöhle, die von einem kleinen Loch links oben (hier nicht sichtbar) ein wenig erhellt wird. Das „Agnus dei“ genannte Pferd ist in der rechten oberen Ecke erkennbar, darüber ein zweites ähnliches. Das linke Panneau wird von einem großen nach rechts blickenden Hirsch dominiert. Im Hintergrund endet die Höhle jenseits des hier nicht sichtbaren kleinen Wasserbeckens. Foto: © Philippe Berthé – Centre des monuments nationaux.

Die Höhle weist noch weitere Besonderheiten auf: Sie wurde von der Zeit des Neandertalers im Moustérien und Châtelperronien bis zum Cro-Magnon-Menschen im Aurignacien und Gravettien als Lagerplatz genutzt, danach wurde die Höhle allmählich vollständig zusedimentiert. Die Besiedlung einer Grotte ornée ist sehr ungewöhnlich, und die Bilder befinden sich im vorderen Teil der Höhle (Abb. 6a), während sie in anderen Bilderhöhlen weit abseits vom Eingang angebracht wurden. Aber die kleine Höhle eignete sich gut als Wohnplatz, da sie dank eines Lochs in der Decke einen natürlichen Rauchabzug und im hinteren Bereich sogar eine beständige, nicht von Frost bedrohte Wasserquelle hat. Ungewöhnlich sind auch die Motive der Gravuren (Delluc und Delluc 1997b), vor allem die beiden Pferde, die ihren Kopf nach hinten wenden, das Markenzeichen der Höhle („Agnus dei“), ein sehr großes, etwa 2,50 m langes Pferd (Abb. 6b), eine außerordentlich seltene Darstellung des Riesenhirschs (Megaloceros) und mehrere Steinböcke. Da letztere in der weiten Umgebung archäozoologisch nicht nachgewiesen sind, deutet dies auf die weiten Schweifgebiete der steinzeitlichen Nomaden hin.

Grotte de Pair-non-Pair (Wanddetail)
Abb. 6b: Grotte de Pair-non-Pair nördlich von Bordeaux.
Das von Abbé Breuil wegen seiner ungewöhnlichen Kopfhaltung als „Agnus dei“ bezeichnete Pferd, das ganz offensichtlich bemalt war, denn schon Daleau bemerkte Spuren von Ocker (Foto: © Philippe Berthé – Centre des monuments nationaux. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung).

Zwei bemerkenswerte Funde aus der Höhle konnten wir am folgenden Tag im Museum in Bordeaux bewundern: einen prachtvollen Anhänger aus Elfenbein in Form einer Muschel und eine Flöte aus einem Bartgeier-Knochen, etwas jünger als die berühmten Flöten von der Schwäbischen Alb.

Am Abend trafen wir in unserem zentral gelegenen Hotel in Bordeaux ein und nutzten den Abend dazu, um erste Eindrücke von der faszinierenden Stadt an der Gironde zu sammeln, deren einheitliches Zentrum mit seinen großartigen klassizistischen Bauwerken ebenfalls zum UNESCO-Welterbe gehört (Sabatier 2019).

6. Tag, Freitag, 3. September: Bordeaux

Da unser Busfahrer seinen wahrhaft wohlverdienten Ruhetag einhalten musste, bewegten wir uns in Bordeaux mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ohne Probleme brachte uns die Straßenbahn zu unserem ersten Ziel.

Musée d’Aquitaine in Bordeaux.

In dem großen kulturgeschichtlichen Museum, das zu den bedeutendsten Museen Frankreichs gehört und mit seinen Ausstellungen einen weiten Bogen von der Vorgeschichte bis in die Gegenwart spannt, galt unser Interesse natürlich der prähistorischen Abteilung. Unübersehbar begrüßte uns dort die berühmte Venus von Laussel, auch „Vénus à la Corne“ genannt wegen des Horns, das sie in der rechten Hand hält. Unser Führer Philippe Chauveau ging sehr ausführlich auf diese „Mona Lisa“ des Museums ein: Als sie 1911 im Abri de Laussel unweit des Abri de Cap-Blanc entdeckt wurde, war der große Block mit dem tief ausgearbeiteten Relief bereits abgebrochen. Die Venus von Laussel, die wohl eine schwangere Frau zeigt, entspricht weitgehend der im Gravettien üblichen Frauendarstellung mit üppigen Formen und fehlenden Füßen. Den Kopf wendet sie allerdings dem Horn zu, das sie in der rechten Hand hält. Über dieses wurde viel gerätselt: Handelt es sich um ein Trinkhorn, ein Musikinstrument (Idiophon), einen Mondkalender (wegen der 13 Striche darauf)? Wie wahrscheinlich alle Skulpturen war auch sie einst bemalt: rote Farbspuren sind deutlich zu erkennen. Die vier anderen, deutlich kleineren Reliefs wurden dagegen aus einzelnen Blöcken herausgearbeitet, zählen also nicht zur eigentlichen Wandkunst. Sie sind weniger gut lesbar und zeigen wohl ebenfalls Frauen, darunter vielleicht sogar eine Geburtsszene? Eine Person ist ungewöhnlicherweise im Profil dargestellt und wird „Le Chasseur“ („Der Jäger“) genannt, also als Mann interpretiert – oder handelt es sich vielleicht doch um eine junge Frau? Dann könnten die fünf Reliefs aus dem Abri de Laussel Frauen in verschiedenen Lebensaltern darstellen. Leider ist eines davon, das in Berlin aufbewahrt war, in den Wirren des Zweiten Weltkriegs verschollen, sodass es nur als Abguss gezeigt werden kann.

Von den Exponaten in den weiteren Räumen, die uns bis ins Neolithikum führten, seien nur noch die Funde aus der Grotte de Pair-non-Pair, darunter der bereits erwähnte Elfenbeinanhänger und die Flöte, sowie gravierte mobile Kunstwerke aus dem Magdalénien und eine Replik des Frieses der schwimmenden Hirsche aus Lascaux genannt.

Université de Bordeaux.

Den Nachmittag verbrachten wir an der Universität von Bordeaux, genauer auf dem Campus Bordes, wo dank der engagierten Vorbereitung von Prof. Dr. Jacques Jaubert, Professeur de Préhistoire, ein spannendes Programm auf uns wartete. Einleitend stellte uns Prof. Jaubert kurz die Einheit PACEA („De la Préhistoire à l’Actuel: Culture, Environnement et Anthropologie“) vor, die sich durch weitreichende interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Forschungsbereiche aus Biologie, Umweltwissenschaft und Geisteswissenschaft auszeichnet und sich mit den großen Fragestellungen des Menschseins von der Vorgeschichte bis zur Gegenwart befasst. Dazu gehört auch Feldforschung, z.B. in den erst in den letzten Jahrzehnten entdeckten Höhlen von Cussac und Bruniquel.

Danach durften wir zwei Institute besuchen und sowohl in die naturwissenschaftlichen Forschungslabore als auch in die vorwiegend der Lehre dienenden Räume der Archäozoologie und Paläoanthropologie hineinschnuppern. In den Laboren gaben uns die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Einblicke in die Methoden der Sedimentologie, Mikromorphologie, Archäometrie und Zementochronologie (Altersbestimmung von Zähnen) und erklärten uns die jeweiligen technischen Geräte, darunter diverse Mikroskope, Infrarotspektrometer und die Werkzeuge zur Herstellung von Dünnschliffen.

Anschließend ging es in die Sammlungen. In der Gesteinssammlung kann z.B. bestimmt werden, an welchem Ort der Silex ansteht, aus dem ein konkretes Werkzeug hergestellt worden war. Die Knochensammlung dient als Referenz zur Bestimmung von Arten, v.a. von Ren, Pferd und Bison, aber auch von Wollnashorn, Saiga-Antilope und Hirsch. Damit kann man z.B. den Höhlenbären vom Braunbären unterscheiden. Die Schnittspuren auf Knochen geben Hinweise darauf, welche Teile vom Tier verarbeitet worden sind und sind somit ein Indiz dafür, ob es sich beim Fundort um ein Jagdlager oder um eine dauerhafte Siedlung handelt.

In der Lehrsammlung der Anthropologie machten wir einen Crashkurs zur Evolution des Menschen und konnten typische Merkmale wie die Größe des Gehirns, die Form von Überaugenwülsten, Kiefer und Kinn und die Position des Hinterhauptlochs anhand verschiedener Schädelabgüsse buchstäblich be-greifen. Wir erfuhren auch, wie die Studenten zunächst die ganzen Knochen des Skeletts kennen lernen, um dann immer kleinere Knochenfragmente zu bestimmen. An Knochen kann man Alter, Geschlecht und Krankheiten eines Individuums erkennen. Knochen „leben“ und können sich regenerieren; z.B. wachsen die Löcher im Kiefer nach dem Verlust eines Zahnes wieder zu. Ist dies nicht der Fall, so ist der Zahn post mortem herausgefallen.

7. Tag, Samstag, 4. September 2021: Abris mit Skulpturen

Am Morgen machten wir uns auf die lange Rückreise, die wir jedoch schon im Raum Angoulême unterbrachen, um nach dem Abri de Cap-Blanc zwei weitere spektakuläre skulptierte Friese anzuschauen. Geführt wurden wir von zwei Mitgliedern des lokalen Vereins ASLVE Sentiers préhistoire.

La Chaire-à-Calvin.

Das Abri „Calvins Kanzel“ ist nach dem Reformator benannt, der einer nicht nachgewiesenen Überlieferung nach dort gepredigt haben soll. Der etwa 12 m breite Fries (Abb. 7) zeigt – so die derzeitige Interpretation – in der Mitte zwei Steinböcke und rechts und links davon je ein Pferd, von denen das rechte offensichtlich, vergleichbar mit Cap-Blanc, aus einem Bison umgearbeitet wurde (Pinçon et al. 2018). Bei der Entdeckung des Frieses im Jahre 1927 waren noch Farbspuren erkennbar. Datiert wird er ins Magdalénien. Vor diesem Abri wurde das obligatorische Gruppenfoto geschossen (Abb. 8).

Detail des Abri La Chaire-à-Calvin bei Angoulême
Abb. 7: Detail des Abri La Chaire-à-Calvin bei Angoulême; die beiden Tiere werden teilweise als Pferde, mittlerweile aber auch als Steinböcke interpretiert (Foto: Dorothea Leiser).
Exkursionsgruppe der GfU vor dem Abri La Chaire-à-Calvin
Abb. 8: Die Exkursionsgruppe der GfU vor dem Abri La Chaire-à-Calvin (foto: Patrick Lapeyre. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung).

Roc-de-Sers und Musée Préhisto-Sers.

Wenige Kilometer entfernt liegt das Abri Roc-de-Sers, dessen skulptierten Fries man zwar nicht im Original (dieses ist im Archäologischen Museum Saint-Germain-en-Laye bei Paris), aber in Form einer hervorragenden Replik vor Ort besichtigen kann. Der Fries besteht aus 13 einzelnen Blöcken, die sich schon in vorgeschichtlicher Zeit aus dem Felsen des Abris gelöst haben. Dargestellt sind vor allem Pferde, Bisons und Steinböcke, dazu ein Ren. Ungewöhnlich sind ein Bison, dessen Kopf in den eines Wildschweins umgearbeitet wurde, ein Vogelkopf und vor allem zwei menschliche Gestalten, deren eine offensichtlich vor einem Moschusochsen flieht. Datiert wird dieser Fries ins Solutréen.

Nachdem wir uns in einer Bäckerei und einer Metzgerei, die extra für unsere Gruppe nochmals öffneten, mit Proviant versorgt hatten, besuchten wir das kleine, aber sehr engagiert geführte Museum. Dieses überraschte mit einer außergewöhnlichen Zahl an Repliken von Homininen-Schädeln und mobilen Kunstwerken aus der ganzen Welt. Auch der Löwenmensch war vertreten und hat dann eine Gefährtin bekommen: unser Gastgeschenk, die Venus vom Hohle Fels … Zum Abschluss bekamen wir noch eine lokale Spezialität als Umtrunk kredenzt, bevor wir nach Mâcon zu unserer Zwischenübernachtung aufbrachen.

8. Tag, Sonntag, 5. September 2021: Tübinger Grabungen in der Bourgogne

Am letzten Tag besuchten wir etwa eine Fahrstunde nördlich von Mâcon die aktuelle Grabung des Instituts für Urgeschichte der Universität Tübingen. Oberhalb von Rully in dem burgundischen Weinbaugebiet Côte Chalonnaise empfingen uns Klaus Herkert, der Assistent von Prof. Dr. Floss, und einige Studenten. Die Grabungen erfolgen im Rahmen eines PCR Programms (Projet Collective de Recherche) zur Untersuchung paläolithischer Siedlungen in der Region.

Grotte d’Agneux.

In den Berghang oberhalb von Rully ist ein enges Tal in die Kalksteinfelsen eingeschnitten. Beiderseits dieses Tals befinden sich Höhlen in günstiger Lage zur Beobachtung der Herden, die vom Plateau hinab in die weite Ebene zogen. Das Grabungsteam fuhr uns durch diesen Taleinschnitt hoch zum Plateau. Herr Herkert erläuterte uns die Befunde in der schmalen Schlauchhöhle Grotte d‘Agneux. Da diese Höhle offen gewesen ist, wurden Siedlungsschichten schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts ausgegraben. Die Höhlenwände weisen Gravuren von Cerviden und Reste von Malereien auf, die leider von neuzeitlichen Graffiti unterschiedlichen Alters überlagert sind. Mittels Mikrostratigraphie konnte das Tübinger Team die Gravuren und Malereien dem Jungpaläolithikum zuordnen, außerdem werden die Graffiti untersucht (Floss et al. 2018).

Grotte Mère Grand und Grotte La Grange.

Danach führte uns das Grabungsteam zu den aktuellen Grabungen in zwei Wohnhöhlen, die sich auf der anderen Seite des Taleinschnitts befinden. Die Grotte Mère Grand wurde bereits 1860 ausgegraben, die letzte Grabung fand 1950 statt, das heutige Sediment ist durchmischt. Eine Dokumentation fehlt, jedoch gibt es eine Zweitinformation, nach der die Höhle sowohl vom Neandertaler als auch vom modernen Menschen benutzt wurde.

Nicht weit davon entfernt befindet sich die Grotte La Grange, ein Paradebeispiel für eine Wohnhöhle. In den letzten 120 bis 130 Jahren wurde die Verfüllung aus herabgestürzten Steinen und menschlichen Siedlungsresten ausgeräumt. Die Höhlenwand weist Spuren der einstigen Verfüllungshöhe auf. Die Funde umfassen sowohl Fauna wie Zähne von Pferd und Bison und Knochensplitter als auch mit der Levallois-Methode (Technik der Neandertaler) hergestellte Steinartefakte. Das Rohmaterial dazu befindet sich 20 km entfernt in der Umgebung. Die bisherigen Funde weisen bisher nur den Neandertaler nach. Leider sind keine früheren Grabungsunterlagen einsehbar. Ziel dieser Grabung ist es, die Basis der Höhle zu bestimmen. Dazu wurde im jetzigen Bodenniveau eine Sondage zum anstehenden Gestein angelegt. Des Weiteren wurden vor der Höhle im steilen Gelände zwei Grabungsschnitte im früheren Abraum angelegt. Das Volumen des Abraums bzw. der ausgeräumten Verfüllung kann so abgeschätzt und mit dem der Höhle verglichen werden. Die Grabungen sollen 2022 fortgeführt werden. Wir bekamen einen Eindruck von den logistischen Schwierigkeiten dieser Grabung; denn in dem abschüssigen und schwer zugänglichen bewaldeten Gelände sind der Transport von Arbeitsgeräten und Messsystemen und der Abtransport der zu schlämmenden Erde schwierig und zeitintensiv. So hatte das Grabungsteam im Gelände Stufen angelegt und zur Sicherung Seile zwischen die Bäume gespannt. Besonderer Dank gebührt dem Team, das uns an seinem freien Sonntagvormittag einen Einblick in die aktuelle Forschungsgrabung gewährte.

Während der langen Busfahrt nach Blaubeuren konnten wir die vielfältigen Eindrücke dieser wunderbaren, hochinteressanten Reise nachwirken lassen. Insgesamt wurden mehr als 3000 km zurückgelegt. Eine Autobahnsperrung wegen eines Brückenabbaus bei Pforzheim verzögerte die Ankunft erheblich, doch blieb der Busfahrer wie immer gelassen und freundlich, und alle Mitreisende kamen wohlbehalten an ihrem Zielort an.

Danksagung

Wie immer war auch diese Exkursion der GfU ein Feuerwerk an spannenden archäologischen Fundstellen und Museen. Die Organisation, die diesmal ganz erheblich durch zwei Verschiebungen und viele Unwägbarkeiten wegen der Pandemie erschwert wurde, lag wieder in den Händen unseres Exkursionsleiter Kurt Langguth, der ein abwechslungsreiches Programm für alle Teilnehmer zusammenstellte, gleich, ob sie diese für Urgeschichts-Fans besonders faszinierende Region schon besucht hatten oder nicht. Zum Erfolg beigetragen haben auch Betina Koch aus Berlin, die unermüdlich und souverän die fast ausschließlich französischen Führungen für uns übersetzte, die kompetenten Führerinnen und Führer vor Ort, Prof. Jacques Jaubert von der Universität Bordeaux und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, unser gelassener Fahrer Peter und all die interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Zu diesem Bericht haben dankenswerterweise auch Claudia Pathe aus Heimsheim (Besuch der Universität Bordeaux) und Dr. Karin Weiß-Wrana aus Tübingen (Besichtigung der Höhlen bei Rully) beigetragen.

Literatur

Bougard, E. 2015: Le site de Cro-Magnon aux Eyzies-de-Tayac: passé, présent et avenir. Bulletin Préhistoire du SudOuest 22/2014-1, 27–39.

Bougard, E., Pigeaud, R., Berrouet, F. und Paitier, H. 2016: La statuette de tortue du Roc-Saint-Cirq (Dordogne, France): nouvelle interprétation. In: J. J. Cleyet-Merle, J.-M., Geneste und E. Man-Estier (Hrsg.), L’art au quotidien – Objets ornés du Paléolithique supérieur. Actes du colloque international Les Eyzies-de-Tayac, 16-20 juin 2014, PALEO, numéro spécial, 2016, 473–483.

Bougard, E. 2017: Les Eyzies-de-Tayac – Abri Cro-Magnon [notice archéologique], ADLFI. Archéologie de la France – Informations [En ligne], Nouvelle-Aquitaine, mis en ligne le 27 août 2021; zuletzt aufgerufen am 12. 10.2021.

Cleyet-Merle, J.-J. 2016: Les Abris du Poisson et du Cap-Blanc. Paris: Éditions du Patrimoine.

Delluc, B. und Delluc, G. 1974: La grotte ornée de Villars (Dordogne). In: Gallia préhistoire 17, 1–67.

Delluc, B. und Delluc G. 1997a: Les gravures de la grotte ornée de Bara-Bahau. Gallia préhistoire 39, 109–150. [doi: https://doi.org/10.3406/galip.1997.2151].

Delluc, B. und Delluc G. 1997b: Dix observations graphiques sur la grotte ornée de Pair-Non-Pair (Prignac-et-Marcamps, Gironde). Bulletin de la Société préhistorique française 94, 41–50. [doi: https://doi.org/10.3406/bspf.1997.10630].

Delluc, B. und Delluc G. 1998: Visiter l’abri Pataud. Bordeaux: Éditions Sud-Ouest.

Félix, T. und Aubarbier, J.-L. 2011; Préhistoire en Périgord, Quercy, Charentes et Poitou. Rennes: Éditions Ouest-France.

Floss, H. 2016: Solutré. Museum für Urgeschichte. Museumsführer, deutschsprachige Fassung.

Floss, H., Ruiz Lopez, J. F., Hoyer, C. T. und Rebentisch, A. 2018: Les grottes d’Agneux I et II (Rully, Saône-et-Loire). Premières grottes ornées probablement datées du Paléolithique en Bourgogne méridionale. Bulletin de la Société préhistorique française 115, 793–797. [doi: https://doi.org/10.3406/bspf.2018.14950].

Pigeaud, R., Berrouet, F., Bougard, E., Paitier, H., Pommier, V. und Bonic, P. 2012: La grotte du Sorcier à Saint-Cirqdu-Bugue (Dordogne, France): nouvelles lectures. Bilan des campagnes 2010 et 2011, PALEO, 23/2012, 223–248. [doi: https://doi.org/10.4000/paleo.2455].

Pigeaud, R., Berrouet, F., Bougard, E., Paitier, H. und Cailhol, D. 2016: Saint-Cirq – La grotte du Sorcier [notice archéologique], ADLFI. Archéologie de la France – Informations [en ligne]. Online: Nouvelle-Aquitaine, mis en ligne le 01 septembre 2019; zuletzt aufgerufen am 12.10.2021.

Pinçon, G., Fuentes O. und Bourdier, C. 2018: Sortir de la grotte. L’apport de l’études des abris ornés du paléolithique supérieur. Les nouvelles de l‘archéologie 154/2018, 82–87. [doi: https://doi.org/10.4000/nda.5500].

Sabatier, J. 2014: Vallée de la Vézère. Patrimoine Mondial. Guide de Voyage Vallée de la Vézère 2014. La France du Patrimoine Mondial.

Sabatier, J. 2019: Bordeaux. Patrimoine Mondial. Guide de Voyage Bordeaux, Port de la Lune 2019. La France du Patrimoine Mondial.

Übergreifende Websites

archeologie.culture.gouv.fr/sculpture-prehistoire/ (Website des Ministère de la Culture zu skulptierten Abris, vor allem zu Cap Blanc, La Chaire-à-Calvin und Roc-aux-Sorciers).

www.donsmaps.com (außerordentlich umfangreiche und sehr reich illustrierte archäologische Website des Autodidakten Don Hitchcock zu weltweiten Fundstellen und Funden mit Schwerpunkt auf der Urgeschichte).

www.hominides.com (umfangreiche Website mit Aktualitätenservice, Rezensionen, Links und Shop).

mooc-culturels.fondationorange.com/enrol/synopsis/index.php?id=311 (Der MOOC „Préhistoire, un nouveau regard“ entstand in Zusammenarbeit zwischen dem Pôle d’interpretation de la Préhistoire in Les Eyzies und der Universität Bordeaux unter Leitung von Jacques Jaubert und vermittelt Basiswissen über die Urgeschichte und ihre Erforschung. Die zwölf Videos sind auch auf YouTube frei zugänglich; zahlreiche weitere Materialien, darunter die Transkripte der Videos, nach kostenloser Einschreibung).