{"id":986,"date":"2021-04-12T08:46:05","date_gmt":"2021-04-12T06:46:05","guid":{"rendered":"https:\/\/kernsverlag.com\/?p=986"},"modified":"2021-04-16T01:10:08","modified_gmt":"2021-04-15T23:10:08","slug":"nachruf-jean-combier-1926-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/nachruf-jean-combier-1926-2020\/","title":{"rendered":"Nachruf: Jean Combier (1926\u20132020)"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_1016\" aria-describedby=\"caption-attachment-1016\" style=\"width: 341px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/floss_1-436x1024.jpg\" alt=\"Jean Combier\" width=\"341\" height=\"800\" class=\"size-large wp-image-1016\" srcset=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/floss_1-436x1024.jpg 436w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/floss_1-128x300.jpg 128w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/floss_1-768x1804.jpg 768w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/floss_1-654x1536.jpg 654w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/floss_1-872x2048.jpg 872w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/floss_1-300x705.jpg 300w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/floss_1-600x1409.jpg 600w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/floss_1.jpg 1090w\" sizes=\"auto, (max-width: 341px) 100vw, 341px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1016\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Jean Combier im M\u00e4rz 2014 in Vergisson IV (Foto: H. Floss).<\/figcaption><\/figure>\n<div class=\"authors-information\"><strong>Harald Floss<\/strong><br \/>\nEberhard Karls Universit\u00e4t T\u00fcbingen<br \/>\nInstitut f\u00fcr Ur- und Fr\u00fchgeschichte und Arch\u00e4ologie des Mittelalters<br \/>\nAbteilung \u00c4ltere Urgeschichte und Quart\u00e4r\u00f6kologie<br \/>\nSchloss Hohent\u00fcbingen<br \/>\n72070 T\u00fcbingen, Germany<\/div>\n<p>In diesen seltsamen Zeiten mag es nicht gerade ermutigend sein, in Jean Combier im M\u00e4rz dieses Jahres den ersten an oder mit dem Corona-Virus Verstorbenen der s\u00fcdlichen Bourgogne (Sa\u00f4ne-et-Loire) verzeichnet zu haben. Mit 93 Jahren hoch betagt und vielf\u00e4ltig vorerkrankt, hatte er dieser letzten Herausforderung nichts mehr entgegenzusetzen (Abb. 1).<\/p>\n<p>Jean Combier z\u00e4hlt zu den gro\u00dfen Forscherpers\u00f6nlichkeiten der franz\u00f6sischen Urgeschichtsforschung in der 2. H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts. Seit den 1950er Jahren hat er als sp\u00e4terer Direktor der Denkmalpflege und des CNRS eine riesige Region im Osten Frankreichs gepr\u00e4gt, die von der Ard\u00e8che im S\u00fcden bis in die Bourgogne im Norden reicht. Jean Combier war ebenfalls lange Jahre Pr\u00e4sident der Acad\u00e9mie de M\u00e2con. In chronologischer Hinsicht dem Pal\u00e4olithikum verpflichtet, hat er aber durchaus auch Verdienste in den Bereichen des Neolithikums und der Metallzeiten, der Mittelalterarch\u00e4ologie und der Volkskunde. In meiner franz\u00f6sischen Arbeitsgruppe geht der Scherz um, dass es sehr viel einfacher sei, diejenigen pr\u00e4historischen Fundstellen der Region aufzulisten, an denen er nicht aktiv war, als solche, \u00fcber die er geforscht hat.<\/p>\n<p>Angesichts dieses immensen Schaffens f\u00e4llt es schwer, einzelne Projekte besonders herauszugreifen, jedoch werden wir seine 1964 begonnenen Arbeiten zum Alt- und Mittelpal\u00e4olithikum in Orgnac 3 (Ard\u00e8che) nicht unerw\u00e4hnt lassen d\u00fcrfen. Die \u00fcber eine umfangreiche Stratigraphie verf\u00fcgende Fundstelle zeichnet sich durch ein sehr fr\u00fches Auftreten der Levalloismethode aus. Seine Arbeiten in der Ard\u00e8cheregion fanden 1967 mit der Publikation seiner Dissertation einen ersten H\u00f6hepunkt. Besonders war Combier dort an der H\u00f6hlenkunst interessiert. Lange vor Entdeckung der Grotte Chauvet war er es, der diese Region als wichtiges Zentrum der Eiszeitkunst au\u00dferhalb der Dordogne etabliert hat. Combier war ebenfalls einer der ersten, der durch die 14C-Datierung eines stratifizierten Holzkohlerests eine absolute Alterseinstufung eines pal\u00e4olithischen H\u00f6hlenkunstwerks, in diesem Fall der H\u00f6hle T\u00eate-du-Lion in das Solutr\u00e9en, vornehmen konnte. Von besonderer Bedeutung im Werk von Jean Combier waren seine Ausgrabungen in La Vigne-Brun bei Roanne, wo er von 1977\u20131983 die sicher bedeutendsten gravettienzeitlichen Behausungsgrundrisse West- und Mitteleuropas freilegen konnte, die allerdings weitgehend unpubliziert geblieben sind. Bewegen wir uns weiter in Richtung Norden, so stellt das M\u00e2connais einen weiteren besonderen Schaffensschwerpunkt dar. In Solutr\u00e9 konnte Combier nicht nur die fr\u00fchen Arbeiten zusammenfassen, sondern selbst Grabungen leiten, die vielfache Erkenntnisse zu den Jagdpraktiken des Magdal\u00e9nien erbrachten. In der H\u00f6hle Rizerolles I in Az\u00e9 gelang ihm in einer methodisch erstklassig durchgef\u00fchrten Ausgrabung der Nachweis des \u00e4ltesten Siedlungsplatzes der Region, der, durch eine archaische Steinindustrie charakterisiert, in ein sp\u00e4tes Altpal\u00e4olithikum datiert.<\/p>\n<p>Meine Arbeiten in Frankreich wurden erst durch Jean Combier erm\u00f6glicht, als er mich 1993 damit beauftragte, das von ihm in den 1960er Jahren notgegrabene endpal\u00e4olithische Inventar von Varennes-l\u00e8s-M\u00e2con im Rahmen meiner Habilitationsschrift zu studieren. Seither verbinden mich mit Jean Combier als meinem v\u00e4terlichen Freund und Mentor in Frankreich viele pers\u00f6nliche Begegnungen.<\/p>\n<p>Auch in seinen letzten Lebensjahren bis ins hohe Alter war Jean Combier aktiv und versuchte, die bei ihm zu Hause gelagerten umfangreichen Sammlungsbest\u00e4nde in Teilen zu publizieren oder an Dritte zu delegieren. Bedauerlicherweise hat er es sich in seinem Sp\u00e4twerk zur Hauptaufgabe gemacht, das hohe Alter der Kunstwerke der Grotte Chauvet in Frage zu stellen, was in gro\u00dfen Teilen unbegr\u00fcndet ist. Dass er sich im Zuge dieser Anw\u00fcrfe auch dazu verstiegen hat, das aurignacienzeitliche Alter der Elfenbeinfiguren der Schw\u00e4bischen Alb anzuzweifeln, hat ihm leider Schaden zugef\u00fcgt. Davon unbenommen, gilt es hier, eines gro\u00dfen Pr\u00e4historikers zu gedenken, der meinen Lebensweg entscheidend gepr\u00e4gt hat.<\/p>\n<p>Neben diesem kurzen Nachruf bin ich als Combiers Nachfolger in der Acad\u00e9mie de M\u00e2con dabei, mit den dortigen KollegInnen eine detaillierte W\u00fcrdigung vorzubereiten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nIn diesen seltsamen Zeiten mag es nicht gerade ermutigend sein, in Jean Combier im M\u00e4rz dieses Jahres den ersten an oder mit dem Corona-Virus Verstorbenen der s\u00fcdlichen Bourgogne (Sa\u00f4ne-et-Loire) verzeichnet zu haben.\n<\/div>\n<div class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/nachruf-jean-combier-1926-2020\/\" class=\"more-link\">Weiterlesen\u2026<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[295,296,305],"tags":[345],"class_list":["post-986","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-deutsch","category-mgfu-bd-29-2","category-open-access-artikel","tag-nachruf","entry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/986","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=986"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/986\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1348,"href":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/986\/revisions\/1348"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=986"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=986"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=986"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}