{"id":2339,"date":"2023-09-14T14:40:09","date_gmt":"2023-09-14T12:40:09","guid":{"rendered":"https:\/\/kernsverlag.com\/?p=2339"},"modified":"2023-10-05T20:18:24","modified_gmt":"2023-10-05T18:18:24","slug":"die-jahresexkursion-der-gfu-nach-nord-und-mitteldeutschland-vom-25-september-bis-zum-02-oktober-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/die-jahresexkursion-der-gfu-nach-nord-und-mitteldeutschland-vom-25-september-bis-zum-02-oktober-2022\/","title":{"rendered":"Die Jahresexkursion der GfU nach Nord- und Mitteldeutschland vom 25. September bis zum 02. Oktober 2022"},"content":{"rendered":"<div class=\"authors-information\">\n<strong>Karin Wei\u00df-Wrana (T\u00fcbingen) und Sabine Echterbecker (Ebersbach)<\/strong>\n<\/div>\n<p>Die Exkursion 2022 umfasste thematisch die menschliche Evolution vom Pal\u00e4olithikum bis ins Neolithikum. Sie erm\u00f6glichte uns weiterhin einen Einblick in die Zeit der Germanen, der Wikinger und die der Slawen im fr\u00fchen Mittelalter. Wir besichtigten arch\u00e4ologische Museen, Freilandfundpl\u00e4tze bzw. Freilichtmuseen und die Sch\u00f6ninger Grabung.<\/p>\n<h2>1. Tag, Sonntag, 25.09.2022: Arch\u00e4ologisches Forschungszentrum und Museum f\u00fcr Menschliche Verhaltensevolution Monrepos.<\/h2>\n<p>Fr\u00fchmorgens um 05.45 Uhr starteten wir in Blaubeuren in Richtung Norden zu unserem ersten Ziel, dem Schloss Monrepos bei Neuwied, in welchem das Arch\u00e4ologische Forschungszentrum und Museum f\u00fcr Menschliche Verhaltensevolution, eine Einrichtung des Leibniz-Zentrums f\u00fcr Arch\u00e4ologie (ehemaliges R\u00f6misch-Germanisches Zentralmuseum), untergebracht ist.<\/p>\n<p>Dr. Frank Moseler f\u00fchrte uns durch die Ausstellung \u201emenschlICHes VERSTEHEN\u201c (vgl. Gaudzinski-Windheuser und J\u00f6ris 2022). Ziel des Museums ist Wissensvermittlung zum Verst\u00e4ndnis der wesentlichen Verhaltensmerkmale des heutigen Menschen, deren Wurzeln bis in die Alt- und Mittelsteinzeit, vor 2.500.000 bis ca. 7.500 Jahren, zur\u00fcckreichen. Ein Forschungsschwerpunkt ist die Entwicklung von Ern\u00e4hrung, Mobilit\u00e4t, Siedlungsverhalten und Landschaftsnutzung der alt-und mittelsteinzeitlichen J\u00e4ger und Sammler. Das Thema Mensch und die Evolution seines Verhaltens wird anhand von 2000 Objekten chronologisch dargestellt und dabei in den Kontext von Klima und den damit vorhandenen Ressourcen gestellt. Die verschiedenen Epochen werden mittels anschaulicher Begriffe beschrieben:<\/p>\n<h3>\u00c4lter als 1.600.000 Jahre: \u201eNaturwesen\u201c<\/h3>\n<p>Der Ursprung der Menschen der Gattung Homo vor ca. 2,6 Millionen Jahren lag in Afrika. Die menschlichen Fossilien zeigen eine K\u00f6rpergr\u00f6\u00dfe von 1,4 m und ein kleines Hirn. Es gab Parallelevolutionen, die jedoch z.T. in einer Sackgasse endeten. Zu nennen sind die grazileren Vertreter der Gattung Australopithecus und die robusteren, so genannten Nussknacker-Menschen mit sehr gro\u00dfem Kiefer, die unter der Gattung Paranthropus zusammengefasst werden. Verglichen mit Tieren kann der Mensch weder schnell rennen noch gut sehen, riechen oder h\u00f6ren, ohne Waffen war er Beute f\u00fcr alle J\u00e4ger. Zum \u00dcberleben ben\u00f6tigte er Hilfsmittel; es wurden \u00fcber 2.500.000 Jahre alte Steinwerkzeuge gefunden.<\/p>\n<h3>Vor 1.600.000\u2013300.000 Jahren: \u201eWunderkinder\u201c<\/h3>\n<p>In dieser Zeit wurden technologische Erfindungen gemacht. Der Mensch fertigte Faustkeile, Spaltkeile und Schaber an, die als Prototypen f\u00fcr 1,5 Millionen Jahre Werkzeugherstellung gelten. Die Entwicklung der Speertechnologie vor 300.000 Jahren (Fundort Sch\u00f6ningen, s. Tag 7) erm\u00f6glichte die Gro\u00dfwildjagd. Mit dieser neuen Technologie konnten die Ressourcen an jagdbaren Tieren besser gen\u00fctzt werden. Der Mensch ben\u00f6tigte dazu Neugierde, Ehrgeiz und Mut. Ein wesentlicher Fortschritt war die Beherrschung des Feuers, denn die gegarte und leichter verdauliche Nahrung bewirkte eine signifikante Vergr\u00f6\u00dferung des Hirnvolumens. Mit Waffen und n\u00e4chtlichem Feuer konnte sich der Mensch gegen Raubtiere sch\u00fctzen. Das \u00dcberleben aller Gruppenmitglieder war wichtig, ein soziales Verhalten entwickelte sich und das Wissen wurde an die n\u00e4chsten Generationen weitergegeben.<\/p>\n<h3>Vor 300.000\u201340.000 Jahren: \u201eRudelmensch\u201c, z.B. der Neandertaler<\/h3>\n<p>Die Knochen von Waldelefanten aus Lehringen und Gr\u00f6bern zeigen zwar keine Schnittspuren, doch wurden sie jeweils mit Steinartefakten vergesellschaftet aufgefunden; in Lehringen fand sich zus\u00e4tzlich eine Lanze aus Eibenholz. Daraus wird auf die Jagd im J\u00e4gerteam geschlossen. Gemeinsame Jagd erfordert Kommunikation, also Sprachf\u00e4higkeit. Das Zungenbein des Neandertalers aus der Kebara H\u00f6hle, Mount Carmel, ist dem des modernen Menschen \u00e4hnlich und k\u00f6nnte als Beweis f\u00fcr die Sprachf\u00e4higkeit des Neandertalers gelten. Das Skelett \u201eDer Alte von La Chapelle\u201c weist nur noch wenige Z\u00e4hne auf und zeigt verheilte, schwere Verletzungen und krankhafte Ver\u00e4nderungen wie z.B. einen deformierten Unterarmknochen. Dieser Mensch konnte nur mit Hilfe seiner Gruppe \u00fcberleben und trotz seiner schweren Beeintr\u00e4chtigung alt werden. Die Neandertaler weisen somit eine empathische Entwicklung auf, Pflege und F\u00fcrsorge ihrer Mitmenschen waren ihnen wichtig, auch bestatteten sie ihre Toten. Sie fertigten sorgf\u00e4ltig bearbeitete Faustkeile, wobei die Jagd dies nicht erforderte. Auch wenn sie noch keine fig\u00fcrliche Kunst kannten, so hatten sie doch einen Sinn f\u00fcr \u00c4sthetik.<\/p>\n<h3>Vor 40.000\u201314.000 Jahren: \u201eGesellschaftstier muss sch\u00f6n sein\u201c, Homo sapiens sapiens<\/h3>\n<p>Der anatomisch moderne Mensch, der vor gut 40.000 Jahren nach Mitteleuropa einwanderte, entwickelte eine \u201eWeltenvorstellung\u201c. Die Darstellungen von Tier-Mensch-Mischwesen jenseits unserer Sinneswahrnehmung k\u00f6nnen als Beleg f\u00fcr eine spirituelle Vorstellung und vielleicht auch als erste Religions\u00e4u\u00dferung betrachtet werden, was eine komplexe Sprache erfordert. Fein gearbeitete fig\u00fcrliche Anh\u00e4nger und durchbohrte Muschelschalen k\u00f6nnen als pers\u00f6nliche Amulette oder als Zeichen einer Gruppenzugeh\u00f6rigkeit gedeutet werden. Bereits zum Ende der Eiszeit bestand ein Kulturaustausch \u00fcber gro\u00dfe Entfernungen. In den sp\u00e4teiszeitlichen Siedlungspl\u00e4tzen G\u00f6nnersdorf und Andernach im Neuwieder Becken, die in das so genannte Magdal\u00e9nien des Rheinlandes vor ca. 16.000 Jahren geh\u00f6ren, wurden Schieferplatten mit eingeritzten Tierzeichnungen und abstrahierten Darstellungen tanzender Frauen gefunden. Abstrahierte Frauenstatuetten sind vom Atlantik bis nach Sibirien zu finden. Sie sind Belege f\u00fcr den kulturellen Austausch \u00fcber gro\u00dfe Distanzen. Schmuckschnecken aus dem Mittelmeerraum, Wal- und Robbenknochen aus dem hohen Norden und der Feuerstein aus gro\u00dfer Entfernung bezeugen weitr\u00e4umige Verbindungen. Die Toten wurden mit r\u00f6telhaltiger Erde bedeckt und in den Siedlungen mit Grabbeigaben bestattet. Die mit handwerklichem Geschick hergestellten gro\u00dfen exzellenten Blattspitzen aus dem Solutr\u00e9en des franz\u00f6sischen Fundplatzes Volgu dienten wohl als Prestigeobjekte.<\/p>\n<h3>Vor 14.000\u20138.000 Jahren: Platzhirsche, Beginn der Warmzeit des Holoz\u00e4ns<\/h3>\n<p>Das Ende der Weichsel-Eiszeit hatte eine deutliche Klimaerw\u00e4rmung zur Folge. Flora und Fauna ver\u00e4nderten sich drastisch, die Mammutsteppe verschwand, und die Gro\u00dfs\u00e4uger der Eiszeit wanderten nach Norden. Schmelzwasser der Gletscher bildete Seen und Fl\u00fcsse, Fische und Krebse erweiterten das Nahrungsangebot des Menschen. Busch- und Baumarten bildeten lichte W\u00e4lder, gejagt wurden nicht mehr Rentier, Pferd und Mammut, daf\u00fcr Elch, Rotwild und Biber, nur gelegentlich noch das Pferd. Dies erforderte neue Waffen, Pfeil und Bogen wurden entwickelt, Fischreusen wurden hergestellt. Der Mensch n\u00fctzte die lokalen Ressourcen, die ihm die Natur ganzj\u00e4hrig bot; das Nahrungsangebot war gro\u00df. Es entstand eine gebietsbezogene Besiedlung, ein \u00dcbergang zur Sesshaftigkeit. Wintervorr\u00e4te und erste Domestizierung sind Vorboten von Besitz (Stichwort \u201eNeolithische Revolution\u201c, ein Begriff, \u00fcber den sich streiten lie\u00dfe). Eigentum muss gesch\u00fctzt werden. Dies f\u00fchrt zu Konflikten, und gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Gruppen waren die Folge. Die Gewaltspirale begann ca. 8.000 v.Chr. Es finden sich erste Hinweise auf entpersonalisierte Gewalt wie \u201aMassengr\u00e4ber\u2018 (mesolithische Sch\u00e4delnester der Gro\u00dfen Ofnet-H\u00f6hle), bzw. Belege f\u00fcr kriegerische Handlungen (Massengrab von Halberstadt aus der sp\u00e4ten Linearbandkeramik). Schon bei viel \u00e4lteren Skelettfunden wurden t\u00f6dliche Verletzungen durch menschliche Aggression nachgewiesen, jedoch war bis dahin die T\u00f6tung einer Menschengruppe von Kindern, Frauen, M\u00e4nnern und Alten unbekannt.<\/p>\n<p>Nach dieser umfassenden und informativen F\u00fchrung fuhren wir nach D\u00fcsseldorf weiter. Wegen eines sehr langen Staus auf der A3 erreichten wir das Hotel mit gro\u00dfer Versp\u00e4tung, und konnten wie geplant noch unser Abendessen einnehmen \u2013 ein sehr langer Reisetag, insbesondere f\u00fcr den Busfahrer.<\/p>\n<h2>2. Tag, Montag, 26.09. 2022: Neanderthal Museum und der neu errichtete Turm \u201eH\u00f6hlenblick\u201c am Fundort im Neandertal in Mettmann nahe D\u00fcsseldorf<\/h2>\n<p>Bilder der fr\u00fcheren D\u00fcsseldorfer Malerschule zeigen das Neandertal als ein tief eingeschnittenes Tal im Karstgestein mit H\u00f6hlen in den 50 m hohen Felsw\u00e4nden. Durch den Abbau des Kalksteins wurden die Klippen abgetragen und die H\u00f6hlen zerst\u00f6rt. 1856 wurden in einem damaligen Steinbruch 16 Knochen gefunden, die zuvor aus der Kleinen Feldhofer Grotte achtlos ausger\u00e4umt worden waren, die ersten als solche erkannten Knochenfunde des Neandertalers. Prof. Johann Carl Fuhlrott identifizierte damals die Knochen als zu einem Fr\u00fchmenschen geh\u00f6rig, f\u00fcr den ber\u00fchmten Pathologen Prof. Rudolf Virchow waren es jedoch lediglich die Knochen eines kranken Menschen, so dass \u00fcber viele Jahre die Forschung blockiert wurde.<\/p>\n<h3>Neanderthal Museum<\/h3>\n<p>Unweit des Fundortes befindet sich das Neanderthal Museum. Die F\u00fchrung mit Dr. Till Knechtges startete mit den Kopien der 16 Fossilien des Neandertalers; die Originale sahen wir am letzten Tag im Landesmuseum Bonn. Eine gro\u00dfe Sanduhr symbolisiert den Zeitraum der menschlichen Evolution und f\u00fchrt den Besuchern vor Augen, wie kurz die Phase des modernen Menschen im Gesamtverlauf dieser Zeitspanne ist. Die Evolution des Menschen wird chronologisch anhand verschiedener Sch\u00e4delformen und rekonstruierter Ganzk\u00f6rper-Modelle aufgezeigt. Aus heutiger Sicht ist es ein Stammbusch mit vielen Verzweigungen, da verschiedene Menschenarten und auch -gattungen gleichzeitig existierten. So lebten in Ostafrika vor 2 bis 1,5 Millionen Jahren die Arten <span class=\"fachbegriff\">Homo habilis<\/span>, <span class=\"fachbegriff\">Homo rudolfensis<\/span>, <span class=\"fachbegriff\">Homo erectus\/ergaster<\/span> aus der Gattung <span class=\"fachbegriff\">Homo<\/span> und <span class=\"fachbegriff\">Paranthropus boisei<\/span>, eine Art der Gattung <span class=\"fachbegriff\">Paranthropus<\/span>, nebeneinander. Die \u00e4ltesten Homininen au\u00dferhalb Afrikas stammen aus Dmanisi in Georgien. Vor 1,6 Millionen Jahren breitete sich <span class=\"fachbegriff\">Homo erectus<\/span> \u00fcber Europa und Asien aus, und seit 1 Million Jahren beherrscht der Mensch das Feuer. Die meisten der bisherigen sehr alten Fossilienfunde stammen aus dem Grabenbruch in Ostafrika und aus S\u00fcdafrika.<\/p>\n<p>Das K\u00f6rpermodell von <span class=\"fachbegriff\">Australopithecus sediba<\/span>, einer Art der Gattung <span class=\"fachbegriff\">Australopithecus<\/span> aus S\u00fcdafrika, datiert auf 1,9 Millionen Jahre; die langen Arme weisen auf Baumbewohner und gute Kletterer hin, die Form der H\u00fcftknochen erm\u00f6glichte jedoch bereits aufrechtes Gehen. Weitere Modelle zeigen den fr\u00fchen <span class=\"fachbegriff\">Homo sapiens<\/span> aus dem Jebel Irhoud in Marokko (300.000 Jahre), den <span class=\"fachbegriff\">Homo neanderthalensis<\/span> aus Gibraltar (40.000 Jahre) und den zeitgleichen <span class=\"fachbegriff\">Homo sapiens<\/span> aus der Pe\u015ftera cu Oase in Rum\u00e4nien (40.000 Jahre). Der K\u00f6rperbau des Neandertalers variierte, er war klein, st\u00e4mmig und muskul\u00f6s im kalten Europa und gr\u00f6\u00dfer und schlanker im w\u00e4rmeren Pal\u00e4stina.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Interpretation der Fossilien ist die Pal\u00e4ogenetik wichtig. Das Kern-Genom des Neandertalers konnte 2010 sequenziert werden. Die Funde s\u00fcdlich der Sahara weisen keinen Anteil von Neandertaler Genen auf. Die heutigen Menschen au\u00dferhalb des subsaharischen Afrikas haben ca. 2 % Neandertaler-Gene. Diese beeinflussen unter Anderem das Immunsystem, die Dicke der Epidermis und die Sprachf\u00e4higkeit (FOXP2-Gen). Die Pal\u00e4ogenetik erm\u00f6glicht Aussagen \u00fcber Wanderbewegungen. Genetische Untersuchungen von mit dem Neandertaler zeitgleichen Funden aus der Denisova-H\u00f6hle im Altai Gebirge weisen auf eine andere Menschenart in Asien, den Denisova-Menschen hin. Die nur beim Denisova-Menschen nachweisbare Variante des Gens EPAS1 bewirkt eine verbesserte Sauerstoffaufnahme und damit u.a. die Anpassung der Tibeter, die Gene des Denisova-Menschen in sich tragen, ans Hochgebirge.<\/p>\n<p>Dr. Rick Springer f\u00fchrte uns durch die Sonderausstellung \u201eCATS Eiszeitliche J\u00e4ger\u201c mit Schwerpunkt <span class=\"fachbegriff\">Homotherium<\/span>, eine Gattung der ausgestorbenen S\u00e4belzahnkatzen. Diese sind nur durch ihre Z\u00e4hne definierbar, denn ihre Knochen \u00e4hneln denen anderer Gro\u00dfkatzen, z.B. denen des heutigen L\u00f6wen. In der Fundschicht der Sch\u00f6ninger Speere wurden Fossilien dieser S\u00e4belzahnkatze gefunden. Mit den gebogenen, sehr langen Eckz\u00e4hnen und der weiten Maul\u00f6ffnung konnten das Genick bzw. die Halswirbel der Beutetiere durchgebissen werden. Zwischen 300.000 und 100.000 Jahren vor heute gab es einen Wechsel in der Population von der S\u00e4belzahnkatze zur Gro\u00dfkatze, dem H\u00f6hlenl\u00f6wen. Fossilien der S\u00e4belzahnkatze wurden in den \u00e4lteren Fundschichten und die des H\u00f6hlenl\u00f6wen in den j\u00fcngeren, dar\u00fcberliegenden, gefunden. Sie lebten in Europa vor 5 Millionen Jahre bis zum Ende der Eiszeit.<\/p>\n<h3>Aussichtsturm \u201eH\u00f6hlenblick\u201c<\/h3>\n<p>Nach dem Museumsbesuch f\u00fchrte uns Frau Dr. B\u00e4rbel Auffermann auf kurzem Spaziergang zum Fundort des Neandertalers und wir konnten noch vor der offiziellen Er\u00f6ffnung den neu errichteten Aussichtsturm besteigen. Die Plattform befindet sich in 20 m H\u00f6he, dies entspricht der Lage der einstigen Kleinen Feldhofer Grotte. Es werden noch Fernrohre zur Projektion eiszeitlicher Szenen installiert. Das Dach stellt die \u00fcberdimensionale Sch\u00e4delkalotte des Neandertalers dar (Abb. 1).<\/p>\n<p>Auf der 4,5-st\u00fcndigen Weiterfahrt zu unserem Hotel in Hamburg-Harburg konnten wir die umfangreichen Informationen des Tages sortieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2476\" aria-describedby=\"caption-attachment-2476\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig1_klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig1_klein-800x600.jpg\" alt=\"Aussichtsturm H\u00f6hlenblick\" width=\"800\" height=\"600\" class=\"size-large wp-image-2476\" srcset=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig1_klein-800x600.jpg 800w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig1_klein-300x225.jpg 300w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig1_klein-768x576.jpg 768w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig1_klein-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig1_klein-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig1_klein-600x450.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2476\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: Mettmann. Der neu errichtete Aussichtsturm H\u00f6hlenblick am Fundort des Neandertalers. Foto: Karin Wei\u00df-Wrana.<\/figcaption><\/figure>\n<h2>3. Tag, Dienstag, 27.09.2022: Arch\u00e4ologisches Museum Hamburg und Rentierj\u00e4ger-Kulturen im Ahrensburger Tunneltal<\/h2>\n<p>Am Vormittag besuchten wir das Arch\u00e4ologische Museum Hamburg-Harburg und am Nachmittag das Ahrensburger Tunneltal, wo die bisher \u00e4ltesten Pfeile der Menschheit ausgegraben worden waren.<\/p>\n<h3>Arch\u00e4ologisches Museum Hamburg-Harburg<\/h3>\n<p>Dr. Michael Merkel f\u00fchrte uns durch die Ausstellung \u201eArch\u00e4ologie erleben\u201c. In einem gro\u00dfen Raum wird Geschichte von der Eiszeit bis zur Zeit der Merowinger inszeniert, so dass Kinder und Jugendliche Lust bekommen, sich umzusehen. Die Ausstellung ist gegliedert in die Bereiche Naturlandschaft, Werkstoff, Nahrung, Innovation, Gewalt, Tod und Mobilit\u00e4t und umfasst dazu die jeweils passenden Fundst\u00fccke des Alt-, Mittel- und Jungpal\u00e4olithikums, der Bronzezeit, Vorr\u00f6mischen Eisenzeit, R\u00f6mischen Kaiserzeit, Zeit der V\u00f6lkerwanderung, des Mittelalters bis in die Neuzeit.<\/p>\n<h3>Rentierj\u00e4gerkulturen im Ahrensburger Tunneltal<\/h3>\n<p>Nach der Mittagspause im Museumsrestaurant fuhren wir zum Ahrensburger Tunneltal. Im Regen war der Weg etwas schwierig, und einige Teilnehmer verzichteten vorsichtshalber auf die Wanderung und besuchten stattdessen das Ahrensburger Schloss. Die Umweltp\u00e4dagogin Frau Svenja Furken vom IG Tunneltal f\u00fchrte uns auf dem Lehrpfad durch das Naturschutzgebiet Tunneltal. Der Lehrpfad startet mit einer schwimmenden Br\u00fccke \u00fcber das Moor. Wieder auf festem Grund, ging es vorbei am Burgh\u00fcgel und den Resten von Graben und Wallanlage der Burg Arnesvelde, die im 11. Jahrhundert erbaut und bis ins 16. Jahrhundert gen\u00fctzt wurde.<\/p>\n<p>Das Tunneltal wurde durch Schmelzwasser unter dem Inlandeis gebildet. Die Schmelzw\u00e4sser erodierten tief in den Untergrund und hinterlie\u00dfen nach dem R\u00fcckzug der letzten Vereisung am Ende der Weichsel-Kaltzeit, eine schmale l\u00e4ngliche Rinne, in deren gesch\u00fctzter Lage sich Eisreste, so genanntes Toteis, erhalten konnte (vgl. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ahrensburger_Tunneltal\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ahrensburger_Tunneltal<\/a>). Durch das langsame Abschmelzen des Toteises entstand im Tunneltal ein langgestreckter Rinnensee. Das von Tundra bedeckte Flachland war der Lebensraum der Rentiere. Der Rinnensee bildete f\u00fcr Rentierherden auf ihren j\u00e4hrlichen Wanderungen eine Barriere, und die auf Rentierjagd spezialisierten Wildbeuter Gruppen nutzten diesen Engpass zur saisonalen Jagd. Diese saisonale Besiedlung wird als Hamburger Rentierj\u00e4gerkultur (ca. 12.700 bis 11.900 v.Chr.) bezeichnet.<\/p>\n<p>Mit zunehmender Erw\u00e4rmung (vor allem im Aller\u00f8d-Interstadial) \u00e4nderten sich die naturr\u00e4umlichen Gegebenheiten. Geh\u00f6lze und lichte Birken- und Kieferw\u00e4lder breiteten sich gro\u00dffl\u00e4chig aus. Die Rentiere zogen nach Norden und Rotwild wanderte ein, es ver\u00e4nderten sich die Jagdmethoden und die Jagdwerkzeuge. Die arch\u00e4ologische Leitform dieser Kulturgruppe ist einem zum Anspitzen von Federkielen verwendeten Messer \u00e4hnlich, dem so genannten Federmesser, daher die Benennung Federmesserkultur (ca. 12.000 bis 10.800 v.Chr.).<\/p>\n<p>Bedingt durch einen scharfen K\u00e4lter\u00fcckfall, die J\u00fcngere Dryaszeit oder auch J\u00fcngere Tundrazeit, \u00e4nderte sich wiederum die Vegetation. Das Flachland wurde wieder der Lebensraum der Rentiere und der Rentierj\u00e4ger. Die Werkzeuge und Jagdwaffen unterscheiden sich jedoch deutlich von denen der \u00e4lteren Hamburger Rentierj\u00e4gerkultur; neu war der Bogen als Jagdwaffe. In den Fundschichten vor allem in Stellmoor wurden vollst\u00e4ndige Pfeile aus Kiefernholz mit gestielter Steinspitze gefunden. Es sind die bisher \u00e4ltesten Pfeile der Menschheit. Damit ist eine neue Jagdtechnik, die gezielte Jagd auf einzelne Tiere, m\u00f6glich. Die Funde umfassen z.B. Kratzer, Stichel und Stielspitzen sowie Mikrolithen f\u00fcr Pfeile und Speere. Diese Kulturerscheinung wird anhand ihrer Fundpl\u00e4tze im Ahrensburger Tunneltal als Ahrensburger Kultur (10.760 bis 9.650 v.Chr.) bezeichnet. Die ersten Ausgrabungen wurden in den 1930er Jahren von Alfred Rust in einem verlandeten sp\u00e4tglazialen T\u00fcmpel des Ahrensburger Tunneltales bei Stellmoor durchgef\u00fchrt. Er erkannte hier bereits damals zwei Kulturschichten, die Ahrensburger Kultur und die \u00e4ltere Hamburger Rentierj\u00e4ger Kultur. Das Ahrensburger Tunneltal ist eines der bedeutendsten arch\u00e4ologischen Fundareale Schleswig-Holsteins.<\/p>\n<p>Frau Svenja Furken zeigte uns einige Repliken, die der Experimentalarch\u00e4ologe Harm Paulsen aus Feuerstein, der auch f\u00fcr die Originale verwendet wurde, hergestellt hatte. Wir f\u00fchrten mit einer von Herrn Paulsen nachgebauten Speerschleuder Wurf\u00fcbungen durch.<\/p>\n<p>Das Alternativprogramm zum Tunneltal erm\u00f6glichte einer kleinen Gruppe die Besichtigung des Schlosses Ahrensburg. Es wurde 1585 von Peter Rantzau, dem Ratgeber des d\u00e4nischen K\u00f6nigs und Amtmann in Flensburg, erbaut und ist einer der wenigen erhaltenen Renaissance-Bauten in Schleswig-Holstein. Danach fuhr der Busfahrer die Schlossbesucher zum Ahrensburger Tunneltal, gabelte die durchn\u00e4ssten Tunneltalwanderer auf und brachte uns alle zum Hotel. In einem nahegelegenen Restaurant trafen wir uns zum wohlverdienten Abendessen.<\/p>\n<h2>4. Tag, Mittwoch, 28.09.2022: Die neolithischen Gro\u00dfsteingr\u00e4ber \u2013 Waabs-Karlsminde und Munkwolstrup im Arnkielpark<\/h2>\n<p>Bei leichtem Regen fuhren wir von Hamburg los, \u00fcberquerten den Nord-Ostsee-Kanal und erreichten Schleswig am sp\u00e4ten Vormittag. Es blieb etwas Zeit, um individuell die Stadt zu erkunden, um dann am fr\u00fchen Nachmittag die neolithischen Gro\u00dfsteingr\u00e4ber im Kreis Rendsburg-Eckernf\u00f6rde zu besichtigen. In den Landschaften von S\u00fcdschweden bis zum Harz ist das Geschiebe der Eiszeitgletscher zu finden. Die gro\u00dfen Findlinge (Megalithen) wurden im Neolithikum als Baumaterial f\u00fcr Gro\u00dfsteingr\u00e4ber verwendet. Von 3.500 bis 3.200 v.Chr. entstanden in diesem geographischen Raum 30.000 bis 40.000 Steingr\u00e4ber. Viele der H\u00fcgelkuppen in den Wiesen und Feldern sind abgeflachte bronzezeitliche Grabh\u00fcgel; mit Laserscan konnten viele entdeckt werden. In Schleswig-Holstein wurden bisher 26 Gr\u00e4ber in verschiedenen Gr\u00f6\u00dfen restauriert.<\/p>\n<h3>Gro\u00dfsteingrab Waabs-Karlsminde<\/h3>\n<p>Die Grabanlage wurde von der Arbeitsgemeinschaft f\u00fcr Vor- und Fr\u00fchgeschichte der Heimatgemeinschaft Eckernf\u00f6rde e.V. unter Aufsicht des Landesamtes f\u00fcr Vor- und Fr\u00fchgeschichte, Schleswig, von 1976 bis 1978 untersucht und danach restauriert (vgl. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Megalithanlage_von_Waabs-Karlsminde\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Megalithanlage_von_Waabs-Karlsminde<\/a>). Der Experimentalarch\u00e4ologe Harm Paulsen erl\u00e4uterte uns die damalige Fundsituation und die Restaurierung des 5.500 Jahre alten Megalithgrabes. Das rechteckige Gro\u00dfsteingrab befindet sich auf einer Anh\u00f6he, es ist in Ost-West-Richtung angelegt, die Umfassung des 70 m langen Langbetts bestand aus 108 Megalithen, die in ein Fundament so eingesetzt wurden, dass sie eine einheitliche H\u00f6he von ca. 1 m \u00fcber dem Bodenniveau aufwiesen. Einige der Steine standen damals noch in Orginallage, die meisten jedoch lagen nach au\u00dfen verkippt und waren von der herabgerutschten H\u00fcgelsch\u00fcttung bedeckt. Im Langbett liegen quer zur L\u00e4ngsachse drei Dolmen (Grabkammern) mit Zugang im S\u00fcden. In den Dolmen wurden Flintartefakte, ein Feuersteinmesser, eine Bernsteinperle und Scherben eines Trichterbechers gefunden. Der mittlere Dolmen ist der \u00e4lteste, er lag urspr\u00fcnglich in einem Rundh\u00fcgel, der sp\u00e4ter in das Langbett integriert wurde. Am Gro\u00dfsteingrab wurde das obligatorische Gruppenfoto aufgenommen (Abb. 2).<\/p>\n<p>Die H\u00fcnengr\u00e4ber waren f\u00fcr die damalige Bev\u00f6lkerung von gro\u00dfer Bedeutung, die L\u00e4nge des Grabh\u00fcgels zeugte vom Prestige der Sippe. Damit Grabh\u00fcgel h\u00f6her und gewaltiger wirkten, wurde ringsum die Erde abgetragen. Die Megalithgr\u00e4ber wurden in verschiedenen Epochen aufgesucht, ben\u00fctzt und ausgebaut. Am Fu\u00df des Grabh\u00fcgels wurden sechs Feuerstellen gefunden und Weihegaben wie sorgf\u00e4ltig gearbeitete, schwarzgl\u00e4nzende Situlen, die bewusst zerschlagen wurden, ein Beleg f\u00fcr die Nutzung des Gro\u00dfsteingrabes bis in die Eisenzeit. Die Vermutung liegt nahe, dass den Verstorbenen Trank- und Speiseopfer dargereicht wurden. Federmesser-Funde weisen darauf hin, dass vor ca. 12.000 bis 10.800 v.Chr. Menschen der damaligen Federmesser-Gruppen diese Anh\u00f6he als Jagdstation nutzten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2478\" aria-describedby=\"caption-attachment-2478\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig2.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig2-800x390.jpg\" alt=\"Gruppenfoto\" width=\"800\" height=\"390\" class=\"size-large wp-image-2478\" srcset=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig2-800x390.jpg 800w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig2-300x146.jpg 300w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig2-768x374.jpg 768w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig2-600x292.jpg 600w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig2.jpg 1389w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2478\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 2: Die Exkursionsgruppe der GfU vor dem Gro\u00dfsteingrab Waabs-Karlsminde. Foto: Harm Paulsen.<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Das Gro\u00dfsteingrab Munkwolstrup<\/h3>\n<p>Das Gro\u00dfsteingrab Munkwolstrup im Arnkielpark erreichten wir nach kurzer Busfahrt. Diese arch\u00e4ologische Freilichtanlage mit Info-Pavillon liegt im Ortsteil Munkwolstrup der Gemeinde Oeversee. Auf dem Gel\u00e4nde befinden sich Rundh\u00fcgel und sechs Gro\u00dfsteingr\u00e4ber, die im 19. Jahrhundert als Steinbr\u00fcche genutzt und gr\u00f6\u00dftenteils zerst\u00f6rt wurden. Anfang der 2000er Jahre wurde der Arnkielpark eingerichtet, und 2003 war die Rekonstruktion der Gro\u00dfsteingr\u00e4ber abgeschlossen. Dazu wurden aus einer nahe gelegenen Kiesgrube 160 bis zu 3 Tonnen schwere Findlinge verwendet.<\/p>\n<p>Herr Dr. Bernd Zich f\u00fchrte uns zum rekonstruierten 75 m langen Gro\u00dfsteingrab Munkwolstrup. In den Grabkammern der Langgr\u00e4ber wurden nicht die Leichname, sondern die Knochen der Verstorbenen niedergelegt. War eine Grabkammer voll, wurden Knochen und Gef\u00e4\u00dfe ausger\u00e4umt. Infotafeln erl\u00e4utern die Ver\u00e4nderungen der Bestattungskultur in Schleswig-Holstein:<\/p>\n<ul>\n<li>ab 3.500 v.Chr.: Langsteingr\u00e4ber mit Grabkammern f\u00fcr die Verstorbenen einer Sippe<\/li>\n<li>um 2.000 v.Chr.: individuelle Grabst\u00e4tten in Form von Sarggr\u00e4bern, Holzkammern<\/li>\n<li>um 1.000 v.Chr.: Wiederbenutzung der Langsteingr\u00e4ber, Bronzezeit und Eisenzeit<\/li>\n<li>Zeitenwende: Urnengr\u00e4ber<\/li>\n<li>um 800 n.Chr.: Schiffsbeisetzungen \u2013 Wikingerzeit.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Unter dem Gro\u00dfsteingrab Munkwolstrup wurde im \u00dcbergang von der Ackerschicht zum Steinuntergrund das eingeritzte Gitter von Pflugspuren gefunden. Dar\u00fcber befand sich Holzkohle, die auf etwa 3.600 v.Chr. datiert wurde und somit noch \u00e4lter als die ersten Gro\u00dfsteingr\u00e4ber ist. Bei den Pflugspuren handelt es sich um einen der \u00e4ltesten Nachweise des Pflugackerbaus in Nordeuropa. In Norddeutschland konnten die schlechten B\u00f6den f\u00fcr den Ackerbau nur extensiv gen\u00fctzt werden. Dies f\u00fchrte zur Erfindung des Pfluges, denn so konnten die gro\u00dfen Fl\u00e4chen von Ochsen gepfl\u00fcgt werden.<\/p>\n<h2>5. Tag, Donnerstag, 29.09.2022: Wikinger Museum Haithabu mit Freigel\u00e4nde und Museum Schloss Gottorf<\/h2>\n<p>An diesem Tag machten wir einen Zeitsprung in die nordische Eisenzeit und in das fr\u00fche Mittelalter Norddeutschlands, in die Wikingerzeit. Unser Fahrer hatte seinen verdienten Ruhetag und wir fuhren mit dem Linienbus von Schleswig zum Wikinger Museum Haithabu, das am Haddebyer Noor liegt, in unmittelbarer N\u00e4he des historischen Siedlungsplatzes Haithabu. Zuvor kauften sich Einige noch schnell ein Regencape.<\/p>\n<h3>Wikinger Museum Haithabu<\/h3>\n<p>Die s\u00fcdlichste Siedlung der Wikinger war das 770 n.Chr. gegr\u00fcndete Haithabu (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haithabu\">vgl. https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Haithabu<\/a>), einer der wichtigen Handelsorte im Ostseeraum und Hauptumschlagsplatz f\u00fcr den Fernhandel zwischen Skandinavien, Westeuropa, dem Nordseeraum und dem Baltikum. Es lag, durch einen halbkreisf\u00f6rmigen Erdwall vom Hinterland gesch\u00fctzt, an einer der Verzweigungen des Ostseearms Schlei, dem Haddebyer Noor, und konnte damals von der Ostsee mit Booten erreicht werden. Um 1066 wurde Haithabu endg\u00fcltig zerst\u00f6rt. Herr Harm Paulsen f\u00fchrte uns durch das Museum und anschlie\u00dfend durch das Freigel\u00e4nde. Anhand des arch\u00e4ologischen Fundmaterials wird die Kultur der Wikinger gezeigt. F\u00fcr die Wikinger bedeutete der Tod eine Reise in eine andere Welt. Die Toten wurden sowohl in Booten als auch in Holzk\u00e4sten bestattet. Es wurden ihnen Gegenst\u00e4nde des t\u00e4glichen Gebrauchs, Statussymbole und Luxusartikel mitgegeben. Die reichen Grabfunde zeigen das k\u00fcnstlerische und handwerkliche Geschick der Wikinger, z.B. aus Knochen geschnitzte und verzierte K\u00e4mme, kleine bunte Glasperlen und Glasringe, fein ziselierte gegossene Fibeln und reich verzierte G\u00fcrtel aus Bronze und Waffen mit kunstvoll gearbeiteten Griffen. Eine Kette aus Bergkristall und Karneol weist auf weite Handelsverbindungen hin; denn Karneol wurde nur im Kaukasus und in Vorderindien abgebaut. In der Schiffshalle ist das Wrack eines Kriegsschiffes zu sehen, und das spektakul\u00e4re Bootkammergrab gibt Einblick in die kostbare Bestattung eines m\u00e4chtigen Kriegsherrn.<\/p>\n<p>Entsprechend dem Fundmaterial wurden auf dem historischen Gel\u00e4nde von Haithabu sieben lehmverputzte Flechtwandh\u00e4user und der Landesteg rekonstruiert sowie ein Bohlenweg zwischen den H\u00e4usern angelegt. In den H\u00e4usern werden verschiedene Alltagsszenen nachgestellt, wie z.B. ein lehmgemauerter Backofen, Speisegeschirr, Fischreusen, Fischnetze, K\u00f6rbe und vieles mehr. Danach fuhren wir mit dem Linienbus zur\u00fcck nach Schleswig ins Museum Gottorf.<\/p>\n<h3>Museum f\u00fcr Arch\u00e4ologie im Schloss Gottorf: Nydamboot und Arch\u00e4ozoologie<\/h3>\n<p>Frau Dr. Mara Weber und Herr Dr. Andreas Rau f\u00fchrten uns zum Nydamboot in der ehemaligen Exerzierhalle des Schlosses. Es wurde 1863 von Conrad Engelhardt im Nydam-Moor, einem ehemaligen See in D\u00e4nemark, gefunden. Er konservierte das 23 m lange Ruderboot aus Eichenholz mit Alaun und Bienenwachs. Es hatte 28 Ruderpl\u00e4tze, 3 m Breite und einen Mitschiff-Tiefgang von 3,1 m. Aus Mangel an Langholz wurden die Holzbretter der Bordwand durch Verplattung aus zwei Planken zusammengesetzt. Das Alter wurde dendrochronologisch auf 320 n.Chr. bestimmt und ist damit der nordischen Eisenzeit, der Germanenzeit, zuzuordnen. Bei Nachgrabungen wurden Teile eines Ankers und das Geschirr der Mannschaft geborgen. Das Boot war ein Kriegsschiff und f\u00fcr den Truppentransport einer Mannschaft optimiert. Es wurde im damaligen See absichtlich versenkt, ein Dankopfer an die G\u00f6tter f\u00fcr den Sieg \u00fcber die Feinde. Dazu wurde das Boot von der Ostsee \u00fcber Land zum Nydam-See transportiert. Die Untersuchung des Fahrverhaltens an einem Modell im Ma\u00dfstab 1:4 ergab, dass die Form auch starken Str\u00f6mungen Stand h\u00e4lt und Geschwindigkeiten bis zu 8,7 Knoten m\u00f6glich waren, also ein schnelles hochseet\u00fcchtiges Kriegsschiff vorliegt. Bisher ist kein Vergleichsboot bekannt.<\/p>\n<p>Die Arch\u00e4ozoologie mit Deutschlands zweitgr\u00f6\u00dfter Sammlung befindet sich in einem Nebentrakt des Schlosses. Dr. Ulrich Schm\u00f6lcke und Dr. Oliver Grimm erkl\u00e4rten uns ihre Forschungsergebnisse. Aus der Wikingerzeit stammen 28 Schienbeinknochen von Schweinen, die alle an der gleichen Stelle gebrochen waren. Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung ist, dass die Tiere als lebender Proviant auf Schiffen mitgenommen und ihnen dazu die Beine gebrochen wurden. In Schleswig-Holstein wurden ca. 6.000 Jahre alte Pelikanknochen gefunden. Vermutlich sind einige Pelikane wegen eines Sturms nach Norden abgedriftet, denn die n\u00e4chsten Pelikan-Kolonien waren damals auf dem Balkan zu finden. Da das Klima zu dieser Zeit w\u00e4rmer war als heute, konnten sie im Norden durchaus l\u00e4ngere Zeit \u00fcberlebt haben. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist die Mensch-Tier-Beziehung in der Beizjagd, die sich ab 500 n.Chr. in Europa nachweisen l\u00e4sst. Vogelknochen von Falken und Habichten finden sich in Frauen- und M\u00e4nnergr\u00e4bern der Wikinger.<\/p>\n<h2>6. Tag, Freitag, 30.09.2022. Freilichtmuseum Gro\u00df Raden mit Ausstellung<\/h2>\n<p>Von Schleswig ging es fr\u00fchmorgens weiter nach Mecklenburg-Vorpommern zum Freilichtmuseum Gro\u00df Raden, in die Zeit der Slawen. Bei sch\u00f6nstem Wetter konnten wir endlich einmal ein mittt\u00e4gliches Picknick einnehmen, nahe dem Ausstellungsgeb\u00e4ude, das idyllisch oberhalb des Sees liegt.<\/p>\n<p>Nach der V\u00f6lkerwanderung, Anfang des 6. und 7. Jahrhunderts, wanderten Slawen von Osten kommend in die fast menschenleeren Landschaften an der s\u00fcdlichen Ostseek\u00fcste und besiedelten diese im 9. und 10. Jahrhundert. Die Slawen waren Bauern, sie brachten den Roggen nach Mitteleuropa. Zeitgleich lebten Wikinger an der Ostseek\u00fcste und Slawen im Hinterland. Das politische und wirtschaftliche Zentrum der slawischen Stammesgebiete lag meist in einer aus Erde und Holz erbauten Burg. In Mecklenburg-Vorpommern sind 350 runde slawische Burgen bekannt.<\/p>\n<p>Das Freilichtmuseum Gro\u00df Raden (J\u00f6ns und von Fircks 2012) wurde auf den Resten der slawischen Siedlung errichtet, die von Ewald Schuldt im Zeitraum 1973-1983 auf der kleinen Halbinsel des Gro\u00df Radener Sees gro\u00dffl\u00e4chig ausgegraben wurde. Optimale Erhaltungsbedingungen, wie hoher Grundwasserspiegel und ausschlie\u00dfliche Weidenutzung, sorgten daf\u00fcr, dass ein Teil der h\u00f6lzernen Bauelemente noch am urspr\u00fcnglichen Ort lag. Frau Heike Pilz f\u00fchrte uns durch das Freilichtmuseum und erl\u00e4uterte uns die Siedlung. In der zweiten H\u00e4lfte des 9. Jahrhunderts wurde auf der damals kleineren Halbinsel eine befestigte Siedlung aus etwa 40 lehmverputzten Flechtwandh\u00e4usern und einem Heiligtum errichtet und eine Br\u00fccke zur damals vorgelagerten Insel gebaut. Der Zugang vom Hinterland zur Halbinsel war durch einen breiten Sohlgraben und eine einreihige Palisade mit Wehrgang gesch\u00fctzt. Wenige Jahrzehnte sp\u00e4ter wurde die Siedlung zerst\u00f6rt und kurz darauf an gleicher Stelle wiederaufgebaut. In dieser zweiten Bauphase wurden die H\u00e4user in Blockbauweise und gr\u00f6\u00dfer gebaut. Zus\u00e4tzlich wurde auf der vorgelagerten Insel aus Holz und Erde ein kreisrunder, 10 m hoher Ringwall, eine Fluchtburg, mit einem Innendurchmesser von 50 m und gro\u00dfem Tunneltor errichtet. Zum Impr\u00e4gnieren der Leinensegel wurden die Gerbs\u00e4ure der Eiche, Teer und Kalk verwendet, f\u00fcr Wollsegel der Talg von Pferden und K\u00fchen. F\u00fcr die Herstellung eines 20 m2 gro\u00dfen Segels ben\u00f6tigt eine ge\u00fcbte Weberin ein Jahr. Ende des 10. Jahrhunderts wurde die Siedlung endg\u00fcltig aufgegeben.<\/p>\n<p>Die Rekonstruktion umfasst die Siedlung mit Sohlgraben und Palisaden, ein rechteckiges Heiligtum von 7 m x 11 m, Flechtwandh\u00e4user und Bohlenh\u00e4user der beiden Bauphasen, Schwitzh\u00fctten, die Br\u00fccke zur Fluchtburg mit Br\u00fcckenhaus und die kreisrunde Fluchtburg mit Tunneltor (Abb. 3). Die alte Uferlinie der Slawenzeit wurde mit einem umlaufenden Graben verdeutlicht. Im Ausstellungsgeb\u00e4ude werden einige der sch\u00f6nsten Funde aus der Slawenzeit in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt. In der Siedlung gab es wenig Kleiderfunde, gefunden wurden Spinnwirtel und gefilzte Lammwolle f\u00fcr Decken.<\/p>\n<p>Danach folgte eine l\u00e4ngere Busfahrt zum Hotel in Braunschweig, wo wir das gemeinsame Abendessen einnahmen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2480\" aria-describedby=\"caption-attachment-2480\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig3_klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig3_klein-600x800.jpg\" alt=\"Rekonstruiertes Tunneltor\" width=\"600\" height=\"800\" class=\"size-large wp-image-2480\" srcset=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig3_klein-600x800.jpg 600w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig3_klein-225x300.jpg 225w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig3_klein-768x1024.jpg 768w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig3_klein-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig3_klein-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig3_klein-300x400.jpg 300w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig3_klein.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2480\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 3: Freilichtmuseum Gro\u00df Raden. Rekonstruiertes Tunneltor der slawischen Fluchtburg. Foto: Sabine Echterbecker.<\/figcaption><\/figure>\n<h2>7. Tag, Samstag, 01.10.2022: Sch\u00f6ningen und st\u00e4dtisches Museum Schloss Salder<\/h2>\n<p>Bei regnerischem Wetter fuhren wir von Braunschweig zu einem weiteren Highlight unserer Exkursion, zum Forschungsmuseum Sch\u00f6ningen, dem vormaligen pal\u00e4on (Abb.4). Es wurde eigens neben dem Fundort der spektakul\u00e4ren Sch\u00f6ninger Speere gebaut. Diese wurden zwischen 1994 und 1998 auf einer der arch\u00e4ologischen Ausgrabungsst\u00e4tten im Braunkohle-Tagebau Sch\u00f6ningen mit Stein- und weiteren Holzartefakten gefunden. Es sind die bisher \u00e4ltesten vollst\u00e4ndig erhaltenen Jagdwaffen der Welt und ein wichtiger Beleg f\u00fcr die aktive Jagd des <span class=\"fachbegriff\">Homo heidelbergensis<\/span>. Ihr Fund hat das Bild der kulturellen Entwicklung des fr\u00fchen Menschen stark ver\u00e4ndert.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2482\" aria-describedby=\"caption-attachment-2482\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption alignnone\"><a href=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig4_klein.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig4_klein-800x432.jpg\" alt=\"Forschungsmuseum Sch\u00f6ningen\" width=\"800\" height=\"432\" class=\"size-large wp-image-2482\" srcset=\"https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig4_klein-800x432.jpg 800w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig4_klein-300x162.jpg 300w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig4_klein-768x415.jpg 768w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig4_klein-1536x830.jpg 1536w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig4_klein-2048x1106.jpg 2048w, https:\/\/kernsverlag.com\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/mgfu22_7_weiss_fig4_klein-600x324.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2482\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 4: Forschungsmuseum Sch\u00f6ningen. Foto: Karin Wei\u00df-Wrana.<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Forschungsmuseum Sch\u00f6ningen und Grabungsgel\u00e4nde<\/h3>\n<p>Wir hatten das gro\u00dfe Gl\u00fcck, dass uns Dr. Jordi Serangeli, der jetzige Leiter der Ausgrabung, fachkundig durch das Museum und anschlie\u00dfend durch das Ausgrabungsgel\u00e4nde f\u00fchrte. Der altsteinzeitliche Fundplatz lag einst in der Verlandungszone eines ehemaligen Seeufers in der Zeit des ausgehenden Holstein-Interglazials, vor 340.000 bis 325.000 Jahren. Die Erhaltungsbedingungen waren optimal und die organischen Materialien wie Fossilien und H\u00f6lzer sind au\u00dfergew\u00f6hnlich gut erhalten.<\/p>\n<p>Unter Serangelis Grabungsleitung wurden au\u00dfer den Fossilien von Wasserb\u00fcffel, S\u00e4belzahnkatze und Waldelefant auch Eierschalen vom Singschwan und ein Wurfstock gefunden. Im Gegensatz zu den Speeren ist dieser nur 64,5 cm lang und 2,9 cm dick. Die leichte Biegung des Wurfstocks wurde bewusst hergestellt, es ist keine Verformung durch die Lagerung im Sediment. Die Spuren auf der Oberfl\u00e4che entstanden beim Aufprall auf feste Oberfl\u00e4chen, wie beispielsweise bei der Vogeljagd. Die Sch\u00f6ninger Speere waren perfekt gearbeitet. Der Schwerpunkt der Waffen liegt im vorderen Drittel und die Speerspitzen liegen neben dem zentralen Mark und damit im h\u00e4rteren Teil des Holzes. Sie wurden nicht im Feuer geh\u00e4rtet. Die verwendeten H\u00f6lzer, Fichte und Kiefer, sind widerstandsf\u00e4hige und elastische Holzarten, die im k\u00fchleren Klima am Ende des vorletzten Interglazials entsprechend langsam wuchsen. F\u00fcr ihre Herstellung mit steinzeitlichem Werkzeug ben\u00f6tigt ein experimenteller Arch\u00e4ologe nur zwei Stunden. Schnittspuren an einem sehr stabilen Astansatz weisen darauf hin, dass der <span class=\"fachbegriff\">Homo heidelbergensis<\/span> dieses St\u00fcck als Halterung f\u00fcr Feuersteinartefakte verwendete.<\/p>\n<p>Die Fauna an Gro\u00dfs\u00e4ugern war vielseitig. Es gab die drei Rinderarten Wasserb\u00fcffel, Auerochse und Wisent, das Steppen- und das Waldnashorn, Riesenhirsch, Rothirsch, Reh, Pferd, H\u00f6hlenb\u00e4r und Kragenb\u00e4r, Altbiber und Biber sowie Schildkr\u00f6ten. Es fanden sich auch Belege f\u00fcr S\u00e4belzahnkatzen und H\u00f6hlenl\u00f6wen (Serangeli et al. 2020). Ca. 95 % der gefundenen Tierknochen sind Pferdeknochen, die jedoch keine durch Jagd entstandenen Modifikationen aufweisen. Die gefundenen Knochen von 25 Pferden weisen lediglich Schnittspuren von der Bearbeitung zur Fleischgewinnung auf. Die Isotopenanalyse zeigte, dass die Pferde in verschiedenen Zeitr\u00e4umen zu unterschiedlichen Jahreszeiten zu Tode kamen.<\/p>\n<p>Welche der Tiere auf dem Speiseplan des Fr\u00fchmenschen standen, l\u00e4sst sich nicht sagen. Ein \u00dcberleben w\u00e4re auch als Vegetarier gut m\u00f6glich gewesen, der Tisch war auch mit Gr\u00e4sern, N\u00fcssen, Rhizomen, Fr\u00fcchten und Eiern reich gedeckt.<\/p>\n<p>Bisher wurden nur 30 intakte Steinwerkzeuge aus bestem Feuerstein gefunden, jedoch ca. 1500 Absplisse von Nachsch\u00e4rfungsprozessen, was auf eine Wiederverwendung des Materials hinweist. Der Feuerstein wurde durch skandinavische Gletscher hertransportiert. Sch\u00f6ningen k\u00f6nnte ein kurzzeitig genutzter, saisonaler Jagdplatz gewesen sein. Bisher wurde bei den Grabungen kein Nachweis von Feuerstellen gefunden, jedoch eine angekohlte Speerspitze.<\/p>\n<p>Aussagen \u00fcber die damaligen Klimaverh\u00e4ltnisse k\u00f6nnen mit Hilfe mikroskopisch kleiner Diatomeen (Kieselalgen) und den Chitin-Pl\u00e4ttchen von Krebsen getroffen werden. Die Forschungsr\u00e4ume\/Labore sind zum Teil mit gro\u00dfen Fensterscheiben einsehbar und erm\u00f6glichen Einblicke in die Arbeit der Wissenschaftler. In einem Labor bestaunten wir unter anderem die Originalfossilien eines Elefanten.<\/p>\n<p>Das Grabungsgel\u00e4nde im ehemaligen Tagebaubereich war bei N\u00e4sse schwer begehbar und teilweise rutschig. Wir sahen unter anderem den Fundort eines vollst\u00e4ndigen Skeletts einer 50j\u00e4hrigen Elefantenkuh mit 2,3 m langen Sto\u00dfz\u00e4hnen. Der gro\u00dfe Schl\u00e4mm-Arbeitsplatz und die Grabungspl\u00e4tze gaben uns einen Einblick in den harten Berufsalltag der Ausgr\u00e4berInnen. Es war ein besonderes Erlebnis, den Museumsbesuch mit den Fundorten zu verbinden.<\/p>\n<p>Nach einer St\u00e4rkung im Bistro fuhr uns der Busfahrer zun\u00e4chst zum Grenzdenkmal H\u00f6tensleben. Der auf einer L\u00e4nge von 350 Metern erhaltene \u201eTodesstreifen\u201c aus Mauern, Metallgitterz\u00e4unen, Signaldr\u00e4hten, Minenfeldern und Wacht\u00fcrmen ist ein Zeugnis der menschenfeindlichen DDR-Grenzbefestigung an deren \u201eStaatsgrenze West\u201c. Dann ging es weiter nach Salzgitter-Lebenstedt.<\/p>\n<h3>Schloss Salder in Salzgitter-Lebenstedt<\/h3>\n<p>Schloss Salder wurde 1608 im Stil der Weser-Renaissance erbaut, im 17.\/18. Jahrhundert erweitert und ist heute das St\u00e4dtische Museum. Frau Dr. Leopold f\u00fchrte uns zuerst durch die geologische Sammlung im Untergeschoss. Es wird die Entstehung der Salzlagerst\u00e4tte dargestellt. Im Erdzeitalter Perm verdunstete ein Flachmeer, es entstand eine 450 m m\u00e4chtige Salzschicht. In der Trias und im Jura lagerten sich 2.500 m m\u00e4chtige Kreideschichten dar\u00fcber ab. Die Salzablagerungen w\u00f6lbten sich als Dome bis knapp unter die Erdoberfl\u00e4che auf. Im 16. Jahrhundert entdeckte man Salzquellen und Bad Salzgitter entstand.<\/p>\n<p>Im Erdgeschoss ist ein kleiner Bereich der Lebenswelt des Neandertalers gewidmet. 1952 fand man beim Bau einer Kl\u00e4ranlage Fossilien eiszeitlicher Tiere und Feuersteinartefakte. Bei sp\u00e4teren Grabungen wurden au\u00dfer den Fossilien von 16 Mammuts, 86 Rentieren und einem Pferd auch zwei Sch\u00e4delfragmente des Neandertalers gefunden. Salzgitter-Lebenstedt war vor 54.000 bis 58.000 Jahren eine Freilandstation der Neandertaler. Funde von Mammutknochen beweisen aber nicht, dass die Neandertaler diese auch gejagt h\u00e4tten. Die Steinartefakte geh\u00f6ren in die Keilmesser-Gruppe und sind charakterisiert durch die Namen gebenden Keilmesser, die hier aus baltischem Flint hergestellt sind. Auch wurden Knochenwerkzeuge aus Rippen und dem Wadenbein des Mammuts hergestellt. Schulterblatt und Geweihstangen der Rentiere weisen auf die Rentierjagd hin.<\/p>\n<p>Sehenswert ist im Au\u00dfenbereich ein 2000 Quadratmeter gro\u00dfer \u201eEiszeitgarten\u201c mit Modellen von Rentieren und Mammuts. Polarweide und Zwergbirke, Kriechweide, Kamille, Breit- und Spitzwegerich, Blutwurz, Quendel, gro\u00dfes M\u00e4des\u00fc\u00df, Beifu\u00df, dorniger Moosfarn, Grasnelke und Wasserpflanzen zeigen die reichhaltige Flora, aus der sich die Neandertaler bedienen konnten.<\/p>\n<p>Dann brachte uns der Busfahrer sicher nach G\u00fctersloh, zum Ort der letzten \u00dcbernachtung. Eine Mitreisende hatte dankenswerterweise f\u00fcr das letzte gemeinsame Abendessen ein nettes Restaurant in Hoteln\u00e4he organisiert.<\/p>\n<h2>8. Tag, Sonntag, 02.10.2022: LVR-Landesmuseum Bonn und Heimreise<\/h2>\n<p>Das Ziel unseres letzten Exkursionstages war die Eiszeit-Sammlung das Landesmuseum Bonn mit einem weiteren Highlight, den Originalfunden des namengebenden Neandertalers. Der Neandertalerbereich wurde unter dem Motto \u201eNeandertaler, erste Menschen im Rheinland. Das Klima macht den Menschen\u201c neugestaltet.<\/p>\n<p>Im Neandertalerbereich vermittelte uns Dr. Ralf Schmitz, einer der Initiatoren und Ausgr\u00e4ber der Nachgrabungen von 1997 und 2000 und heutiger Kurator der Urgeschichte, einen umfassenden \u00dcberblick \u00fcber die gegenw\u00e4rtigen Forschungsergebnisse. Mit der verbesserten Methode der <sup>14<\/sup>C-Datierung ergibt sich das Alter des Neandertalers mit 45.000 Jahren. In der Nachgrabung von 1997 wurden 22 menschliche Knochenfragmente gefunden (ein Fragment passte genau an den Oberschenkelknochen des Neandertalers von 1856) und weitere 73 Knochenfragmente im Jahr 2000, darunter Teile eines Armes einer Neandertaler-Frau. Genetische Untersuchungen ergaben, dass sie eher dem Neandertalertyp im S\u00fcdosten Europas \u00e4hnelt.<\/p>\n<p>Im Rheinland gibt es nur einige H\u00f6hlen, der Neandertaler lebte dort meistens im Freiland. Der mehrere fu\u00dfballfeldgro\u00dfe Fundplatz bei Ratingen, an dem Quarzit als Rohstoff reichlich vorhanden war, weist eine l\u00fcckenlose Kette der unterschiedlichen Herstellungsschritte von Steinwerkzeugen auf.<\/p>\n<p>Bei M\u00f6nchengladbach-Rheindahlen wurden in der 10 m m\u00e4chtigen Lehmgrube einer fr\u00fcheren Ziegelei Grabungen durchgef\u00fchrt. Die neun Fundschichten umfassen den Zeitraum von 400.000 bis 20.000 v.Chr. Vor ca. 80.000 Jahren, in einem Interstadial der Fr\u00fchweichsel-Kaltzeit, gab es bereits eine progressive Klingentechnik. Kleinere Klingen wurden mit Birkenpech in Holz oder Geweih gefasst. In einer Schicht aus dem Warthe-Stadium der deutlich \u00e4lteren Saale-Kaltzeit vor ca. 200.000 Jahren wurden 20.000 Artefakte gefunden, Werkzeuge aus Knochen, Geweih und Holz, letzteres jedoch mit einem sehr geringen Anteil von nur 0,1 %. Die entwickelte Levallois-Methode erforderte ein dreidimensionales Vorstellungsverm\u00f6gen, eine gro\u00dfartige Leistung. In Rheindahlen ist Feuerstein das mit Abstand bevorzugte Rohmaterial.<\/p>\n<p>Beeindruckend ist auch die F\u00e4higkeit, Birkenpech herzustellen; damit konnten Steinklingen in Holz und Geweih eingeklebt werden. Inwieweit der Neandertaler die antiseptische Wirkung des Birkenpechs kannte, z.B. bei Zahnschmerzen, ist nicht bekannt.<\/p>\n<p>Dr. Schmitz wies auch auf die vom Neandertaler sehr fein bearbeiteten Blattspitzen und Faustkeile hin, was rein funktionsm\u00e4\u00dfig nicht notwendig war, und hob den Sinn f\u00fcr Sch\u00f6nes und \u00c4sthetik des Neandertalers hervor.<\/p>\n<h3>Jungpal\u00e4olithische Bestattung im Doppelgrab von Bonn-Oberkassel<\/h3>\n<p>Die Skelette einer 25-j\u00e4hrigen Frau und eines ca. 45-j\u00e4hrigen Mannes zeigen H\u00e4matitspuren, hervorgerufen durch eine Bedeckung mit r\u00f6telhaltiger Erde. Die <sup>14<\/sup>C-Datierung ergab 12.000\u201311.350 v.Chr., die Zeit der Federmesser-Gruppen. Die 2014 durchgef\u00fchrte genetische Untersuchung zeigte, dass es sich nicht um Vater und Tochter handelte. Im Grab befanden sich auch Skelettteile eines jungen kranken Hundes, der kein Jagdbegleiter sein konnte. Anhand genetischer Untersuchungen wei\u00df man, dass der Mensch den Wolf fr\u00fcher z\u00e4hmte als bisher angenommen. Die Grabbeigaben umfassten den Penisknochen eines B\u00e4ren, einen 20 cm langen Knochenstab mit Tierkopf und eine aus Elchgeweih geschnitzte liegende Elchkuh.<\/p>\n<p>Auch dieser letzte Museumsbesuch war gef\u00fcllt mit interessanten Informationen und vielen Details der aktuellen Forschungsergebnisse. Die Heimreise verk\u00fcrzte uns unser Exkursionsleiter Kurt Langguth mit einem Exkurs \u00fcber die Domestizierung des Wolfes zum Jagdbegleiter und Haustier. Ohne Stau kamen alle Mitreisenden wohlbehalten am Zielort an, gl\u00fccklich ob der vielf\u00e4ltigen Eindr\u00fccke und Informationen.<\/p>\n<h2>Danksagung<\/h2>\n<p>Auf dieser Exkursion der GFU erlebten wir eine F\u00fclle von interessanten und vielf\u00e4ltigen arch\u00e4ologischen Fundstellen, Museen und Freilichtmuseen. Sie umfasste unterschiedliche Epochen der menschlichen Evolution bzw. Kulturen in Mittel- und Norddeutschland. Die arbeitsintensive Organisation lag wieder in den H\u00e4nden von Manfred Gassner und unseres fachkundigen Exkursionsleiters Kurt Langguth, die ein vielseitiges Programm zusammengestellt hatten und auch die jeweiligen Experten als F\u00fchrer gewinnen konnten. F\u00fcr unseren stets freundlichen und geduldigen Fahrer Herrn Ottmar Rist ein herzliches Dankesch\u00f6n, er hatte auf der 2900 km langen Reise etliche Parkprobleme souver\u00e4n gel\u00f6st.<\/p>\n<h2>Literatur<\/h2>\n<p>Gaudzinski-Windheuser, S. und J\u00f6ris, O. 2022: MenschlICHes VERSTEHEN. Die Arch\u00e4ologie der menschlichen Verhaltensevolution. R\u00f6misch Germanisches Zentralmuseum 1. Mainz: Verlag des RGZM.<\/p>\n<p>J\u00f6ns, H. und von Fircks, J. 2012: Das Arch\u00e4ologische Freilichtmuseum Gro\u00df Raden. Altslawischer Tempelort des 9. und 10. Jahrhunderts. Ein F\u00fchrer durch das Freigel\u00e4nde. 2. Auflage, \u00fcberarbeitet von D. Jantzen. Landesamt f\u00fcr Kultur-und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern.<\/p>\n<p>Serangeli, J., Verheijen, I., Rodr\u00edguez \u00c1lvarez, B., Altamura, F., Lehmann, J. und Conard, N. J. 2020: Elefanten in Sch\u00f6ningen. Arch\u00e4ologie in Deutschland 3\/2020, 8\u201313.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nDie Exkursion 2022 umfasste thematisch die menschliche Evolution vom Pal\u00e4olithikum bis ins Neolithikum. 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