{"id":1906,"date":"2022-07-30T16:10:30","date_gmt":"2022-07-30T14:10:30","guid":{"rendered":"https:\/\/kernsverlag.com\/?p=1906"},"modified":"2022-07-30T16:10:30","modified_gmt":"2022-07-30T14:10:30","slug":"vorwort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kernsverlag.com\/de\/vorwort\/","title":{"rendered":"Vorwort"},"content":{"rendered":"<p>Mit Band 30 liegen nun zum zweiten Mal die Mitteilungen der Gesellschaft f\u00fcr Urgeschichte (MGfU) in neuer Aufmachung vor. Das neue Layout ist bei zahlreichen Autor*innen sowie Leser*innen sowohl aus der breiten \u00d6ffentlichkeit als auch dem Kreis der Kolleg*innen auf sehr positive Resonanz gesto\u00dfen. Dies dient uns als Ansporn, den eingeschlagenen Weg in Kooperation mit dem T\u00fcbinger Kerns Verlag weiter zu verfolgen. Dazu geh\u00f6rt auch, dass weiterhin alle eingesandten Manuskripte im Sinne einer Qualit\u00e4tskontrolle einem Begutachtungs-Prozess durch Fachwissenschaftler*innen aus dem In- und Ausland unterzogen werden.<\/p>\n<p>Nichts ge\u00e4ndert hat sich auch insofern, als die Reihe der wissenschaftlichen Aufs\u00e4tze mit dem Beitrag des Gewinners\/der Gewinnerin des T\u00fcbinger F\u00f6rderpreises f\u00fcr \u00c4ltere Urgeschichte und Quart\u00e4r\u00f6kologie er\u00f6ffnet wird. Preistr\u00e4gerin ist im Jahre 2021 Dr. Stephanie Anna Florin. Ihre preisgekr\u00f6nte Dissertation befasst sich mit einem Thema, das in der breiten \u00d6ffentlichkeit noch wenig Beachtung gefunden hat, n\u00e4mlich der Rolle pflanzlicher Nahrung bei der Evolution und Verbreitung fr\u00fcher Menschen auf den Inseln S\u00fcdostasiens, in Australien und in Neuguinea. Unter Verwendung neuester Forschungsergebnisse hebt die Autorin die Bedeutung pflanzlicher Nahrungsmittel und ihrer Verarbeitung f\u00fcr die ern\u00e4hrungsm\u00e4\u00dfige Flexibilit\u00e4t und Anpassungsf\u00e4higkeit unserer Spezies hervor. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf \u00c4nderungen in der Ern\u00e4hrung und der Landschaftsnutzung in Madjedbebe, dem bisher \u00e4ltesten bekannten arch\u00e4ologischen Fundplatz Australiens mit einem Alter von bis zu 65.000 Jahren. Nach der Dissertation von Daniela Holst \u00fcber mesolithische Haselnussr\u00f6stpl\u00e4tze in Duvensee im Jahre 2009 wird damit erneut eine im Schwerpunkt arch\u00e4obotanische Arbeit ausgezeichnet.<\/p>\n<p>Ein ganz besonderer und durch seinen Kontext einzigartiger Fund steht im Mittelpunkt gleich zweier Aufs\u00e4tze: eine gesichert in mittelpal\u00e4olithischen Schichten stratifizierte und gut datierte Blattspitze aus dem Hohle Fels im Achtal. Nicholas Conard und Kolleg*innen beschreiben zun\u00e4chst ausf\u00fchrlich die Fundumst\u00e4nde des St\u00fcckes, seine stratigraphische Position sowie Fragen der Datierung. In einem anschlie\u00dfenden Aufsatz legen Veerle Rots und Kollegen die Ergebnisse ihrer minuti\u00f6sen mikroskopischen Untersuchungen an der Blattspitze vor, die vor allem Mikrogebrauchsspuren- und Residuenanalysen einschlie\u00dfen und die in Bezug auf solche Werkzeuge bisher einzigartig sind. Die beiden Aufs\u00e4tze demonstrieren nicht nur, dass Blattspitzen nicht, wie bisher meist angenommen, in jedem Falle ganz an das Ende des Mittelpal\u00e4olithikums geh\u00f6ren, sondern die mikroskopischen Analysen geben dar\u00fcber hinaus sehr gute Hinweise auf die Sch\u00e4ftungsweise solcher Werkzeuge. Nachdem in der Vergangenheit verschiedene Verwendungsweisen f\u00fcr Blattspitzen, z.B. als Messer, diskutiert worden sind, haben wir durch das Exemplar aus dem Hohle Fels erstmals belastbare Hinweise, dass sie von Neandertalern als Spitzenbewehrung von Wurfspeeren oder Sto\u00dflanzen bei der Jagd nach Gro\u00dfwild eingesetzt wurden.<\/p>\n<p>Mikroskopische Analysen stehen auch im Mittelpunkt des Beitrages von Florent Rivals und Kolleg*innen. Verschiedenartige Abnutzungsspuren an Z\u00e4hnen jungpleistoz\u00e4ner Riesenhirsche aus verschiedenen mitteleurop\u00e4ischen Fundpl\u00e4tzen liefern neue Erkenntnisse zu blattfressenden oder grasenden Ern\u00e4hrungsweisen bei diesen eindrucksvollen ikonischen Tieren der Eiszeit. Danach wurde das Aussterben der Riesenhirsche, deren Verhaltensbiologie und Verschwinden seit vielen Jahrzenten debattiert werden, wahrscheinlich nicht durch eine zu enge Ern\u00e4hrungsnische herbeigef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Sibylle Wolf und Kollegen behandeln in ihrem Beitrag ein Themenfeld, das durch ihre Forschungen um eine neue Facette bereichert wird. So gelang es ihnen, durch langwieriges und sorgf\u00e4ltiges Quellenstudium, vor allem im Archiv der Universit\u00e4t T\u00fcbingen, den stellenweise abenteuerlichen Weg der Vogelherd-Figurinen, von ihrer Auffindung bis heute, im Detail nachzuzeichnen. Dieser Weg ist aufs Engste verbunden mit der Person Gustav Rieks, der die Figuren 1931 ausgegraben hat und dessen Umgang mit ihnen kritisch beleuchtet wird.<\/p>\n<p>Die experimentelle Arch\u00e4ologie liefert seit Jahrzehnten wichtige Erkenntnisse f\u00fcr die Rekonstruktion pr\u00e4historischer Techniken und Handlungsweisen und tr\u00e4gt damit auch zu einem besseren Verst\u00e4ndnis bei, wie pal\u00e4olithische Artefakte aus den verschiedensten Materialien hergestellt und verwendet wurden. Ein Beispiel f\u00fcr solche Rekonstruktionen schildert der Erfahrungsbericht des namhaften Experimentalarch\u00e4ologen Wulf Hein zur Rekonstruktion der Mammutelfenbeinfl\u00f6te aus dem Gei\u00dfenkl\u00f6sterle. Fragmente aus den Ausgrabungen am Gei\u00dfenkl\u00f6sterle, Hohle Fels und Vogelherd belegen, dass Elfenbeinfl\u00f6ten im Schw\u00e4bischen Aurignacien keineswegs selten waren. Solche Funde unterstreichen die Tatsache, dass die Tr\u00e4ger des Schw\u00e4bischen Aurignacien in der Lage waren, nahezu alle beliebigen Objekte aus Elfenbein herzustellen, wobei zahlreiche Formen bislang nur aus den H\u00f6hlen im Ach- und Lonetal bekannt sind.<\/p>\n<p>Leider ist auch im Jahre 2021 der Verlust einer Fachkollegin zu beklagen. Linda Owen, die als Sch\u00fclerin von Hansj\u00fcrgen M\u00fcller-Beck 1988 in T\u00fcbingen promoviert wurde und in den folgenden Jahren dort auch als Lehrbeauftragte t\u00e4tig war, wurde nach schweren Vorerkrankungen letztlich ein Opfer der Corona-Pandemie. Sie war vielleicht die bekannteste Wissenschaftlerin im Bereich der Genderarch\u00e4ologie im Pal\u00e4olithikum mit internationaler Ausstrahlung. In einem w\u00fcrdigenden Nachruf zeichnen Miriam Haidle und Susanne M\u00fcnzel, langj\u00e4hrige Weggef\u00e4hrtinnen der Verstorbenen, ihren akademischen Werdegang nach.<\/p>\n<p>Nach wie vor finden auch Vereinsangelegenheiten der Gesellschaft f\u00fcr Urgeschichte ihren Platz in den MGfU. Dorothea Leiser l\u00e4sst in einem ausf\u00fchrlichen Reisebericht die wichtigsten Stationen der eindrucksvollen Exkursion der GfU nach S\u00fcdwestfrankreich Revue passieren und illustriert diesen mit z.T. selten gesehenen Abbildungen.<\/p>\n<p>Die neue erste Vorsitzende der GfU, Sibylle Wolf, legt im vorliegenden Heft ihren ersten Jahresbericht vor. Sie kann darin auf ein trotz der Pandemie erfolgreiches Jahr der GfU zur\u00fcckblicken.<\/p>\n<p>Abgeschlossen wird der Band dieses Mal durch eine Buchbesprechung. Eleonora Gargani setzt sich ausf\u00fchrlich mit einem Buch von Markus Wild \u00fcber saisonale Verhaltensstrategien, erschlossen mittels technologischer Analysen ausgew\u00e4hlter sp\u00e4tjungpal\u00e4olithischer Geweihinventare aus Norddeutschland, S\u00fcdskandinavien und dem Pariser Becken, auseinander.<\/p>\n<p>Auch 2021 war aufgrund der Corona-Pandemie wieder ein ungew\u00f6hnliches und auch schweres Jahr. Trotzdem erscheint dank der aktiven Mitwirkung der Autor*innen und der Begutachter*innen der Aufs\u00e4tze sowie dem Kerns Verlag auch in diesem Jahr ein umfangreicher Jahresband, der beweist, dass auch unter schweren Bedingungen die Wissenschaft und die Vermittlung von Wissenschaft voranschreiten. Wir hoffen, weiterhin nationale und internationale Leserinnen und Leser sowohl in der Fachwelt als auch in der Studentenschaft, alte und neue GfU-Mitglieder sowie die breite \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr die Themen der MGfU zu interessieren. Die Zeitschrift bleibt ein Aush\u00e4ngeschild der mit knapp 500 Mitgliedern gr\u00f6\u00dften deutschen Gesellschaft f\u00fcr Urgeschichte und Quart\u00e4r\u00f6kologie, die mittlerweile auch international renommiert ist. Zu der Internationalit\u00e4t tragen zu einem guten Anteil auch die Kolleginnen und Kollegen des Wissenschaftlichen Beirats bei. Wir bedanken uns deswegen bei denjenigen Mitgliedern, deren Amtszeit geendet hat und begr\u00fc\u00dfen gleichzeitig die neuen Beiratsmitglieder herzlich.<\/p>\n<p>Unver\u00e4ndert sind selbstverst\u00e4ndlich wieder die Titel aller Beitr\u00e4ge sowie s\u00e4mtliche Bild- und Tabellenunterschriften zweisprachig, d.h. deutsch und englisch, wiedergegeben, ebenso die Zusammenfassungen aller Hauptbeitr\u00e4ge. S\u00e4mtliche wissenschaftlichen Beitr\u00e4ge sind auch weiterhin kostenfrei unter der Adresse mgfuopenaccess.org im Internet abrufbar und k\u00f6nnen heruntergeladen werden. Seit Band 29\/2020 sind die Aufs\u00e4tze zus\u00e4tzlich \u00fcber den T\u00fcbinger Kerns Verlag kostenfrei abruf- und herunterladbar.<\/p>\n<p>Bleibt uns die Hoffnung, dass wir Ihnen mit den vorliegenden MGfU aufs Neue eine abwechslungs- und lehrreiche Lekt\u00fcre bieten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Bitte bleiben Sie weiterhin alle gesund!<br \/>\nMichael Bolus<br \/>\nNicholas J. Conard<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"entry-summary\">\nMit Band 30 liegen nun zum zweiten Mal die Mitteilungen der Gesellschaft f\u00fcr Urgeschichte (MGfU) in neuer Aufmachung vor. 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